Folge #001: Lasst uns über ME/CFS sprechen

Chriz­zo hat sich Kamil­len­tee mit Manu­ka-Honig aufge­brüht. Sie ist schon die ganze Woche über ein biss­chen erkäl­tet und hofft, dass der Tee ihr heute gut tut. Mol­ly trinkt Brennnes­sel mit Hibiskus, ver­sucht etwas Wass­er zu ver­lieren. Bei der Novem­berkälte draußen ist ohne­hin jed­er Tee angenehm. Die bei­den machen einen kurzen Akut-Check. Chriz­zo geht es men­tal sehr gut diese Woche. Sie hat­te gute Arzt­ter­mine, und das ist für ihr Befind­en immer enorm wichtig. Mol­ly stimmt zu: Man braucht gute Arzt­ter­mine, gutes Feed­back, Hil­fe, ernst genom­men wer­den.

Physisch jedoch läuft es bei Chriz­zo nicht so gut. Sie hat noch nicht her­aus­ge­fun­den, woran es liegen kön­nte. Vielle­icht haben sich kleinere Pac­ing-Fehler eingeschlichen, oder es lag am Besuch übers Woch­enende. Die Abläufe waren anders, die Geräusche im Haus auch, und Chriz­zo ist sehr geräuschempfind­lich. Irgen­det­was beschäftigt ihren Kör­p­er. Häu­fig wacht sie mor­gens auf mit dem Gefühl, jet­zt hat die Erkäl­tung sie erwis­cht, jet­zt ist es wirk­lich ein Infekt. Dann ruht sie sich inten­siv und aktiv aus, dann geht es wieder bess­er. Diese Woche ist ein Auf und Ab. Je nach Tageszeit liegt sie zwis­chen vierzig und sechzig Prozent.

Mol­ly find­et das inter­es­sant, denn man kann diese Erkäl­tung oft nicht von der eigentlichen PEM unter­schei­den. Es ist eine Grat­wan­derung her­auszufind­en, ob es heute ein Infekt ist, eine Erkäl­tung, die vielle­icht jemand vom Besuch mit­ge­bracht hat, oder ob es ein­fach nur PEM ist, weil der Besuch sie geräuschlich über­fordert hat.

Die Empfind­un­gen ähneln sich so sehr. Mol­ly selb­st geht es diese Woche auch gut, kör­per­lich fühlt sie sich sog­ar auf dem auf­steigen­den Ast. Sie hat einen neuen Ther­a­piev­er­such mit der Immu­nad­sorp­tion ges­tartet und freut sich, dass die erst­ma­lig richtig in Gang kommt. Lei­der hat sie aber trotz­dem noch eine bak­terielle Infek­tion, die sie wach hält und auch besorgnis­er­re­gend ist. Die dritte Antibi­otikather­a­pie zeigt keine richtige Wirkung, und es ist fraglich, wie das wieder wer­den kann.

Seel­isch, psy­chisch ist Mol­ly son­st immer sehr stark. Doch diese Woche belastet sie einiges. Ihrer kleinen Tochter geht es nicht gut, ihre Schwiegermut­ter braucht Hil­fe, ihr Schwiegervater hat eine ganz frische Kreb­serkrankung. Sehr viele Dinge kom­men auf sie zu. Wieder die Waage zu hal­ten und aufzu­passen, sich wed­er emo­tion­al noch kör­per­lich zu über­fordern, ist sehr schw­er.

Wenn das Außen sich nicht einplanen lässt

Chriz­zo nickt. Das sind Dinge, die von außen kom­men. Die kann man gar nicht in die Pac­ing-Sit­u­a­tion ein­pla­nen. Und das macht es so ver­dammt schw­er, sich jeden Tag gut durchzubrin­gen. Ehrlich gesagt tut es ihr so gut, in den Aus­tausch mit Mol­ly zu gehen und zu hören: Wie geht es dir? Wie gehst du mit diesen Her­aus­forderun­gen um?

Chriz­zo ist erst seit let­ztem Som­mer (2024) erkrankt. Auf der einen Seite zu hören, dass selb­st jemand so Erfahrenes wie Mol­ly aktiv nach­s­teuern muss, um gut durch den Tag, durch die Woche zu kom­men, und auf der anderen Seite Tipps und Tricks zu bekom­men, wie das mit der Fam­i­lie gut funk­tion­ieren kann, das ist wirk­lich sehr wertvoll. Dafür möchte sie Danke sagen.

Mol­ly freut sich. Tat­säch­lich hil­ft es ihr auch, mit Chriz­zo in den Aus­tausch zu gehen. Sie freut sich immer wieder über jede Unter­hal­tung, die sie führen. Chriz­zo sagt, das habe etwas von ein­er Eins-zu-eins-Selb­sthil­fe­gruppe. Oder wie Chriz­zo neulich so schön gesagt hat: einen Gene­sungs­bud­dy an sein­er Seite zu haben. Genau so fühlt es sich an, wenn die bei­den miteinan­der sprechen. Mol­ly find­et das auch genau­so wertvoll und hat über­legt: Wollen wir nicht daraus ein­fach mal einen Pod­cast machen?

Chriz­zo ist sofort dabei. Das klingt span­nend. Sie ist sich sich­er, ger­ade weil sie selb­st erst so kurz erkrankt ist, durch die let­zte Coro­na-Welle, und jet­zt kom­men ja wieder einige mit dieser Erkrankung dazu, es ist so schw­er, richtige Infor­ma­tio­nen zu find­en. Nicht nur die bloßen, die nack­ten Infor­ma­tio­nen, son­dern tat­säch­lich Tipps von Erkrank­ten zu bekom­men, das ist so viel hil­fre­ich­er, als sich alles nur durchzule­sen und alleine zu ver­suchen, umzuset­zen.

Die Fragen, auf die keiner Antworten hatte

Chriz­zo spricht Mol­ly aus dem Herzen. Als sie damals die Diag­nose ME/CFS für sich ver­mutet hat­te, hat sie sich auch informiert. Und genau das hat ihr gefehlt. Es hat ihr die Selb­sthil­fe­gruppe um die Ecke gefehlt, zu der sie damals noch tat­säch­lich hätte gehen kön­nen. Es hat ihr ein­fach jemand anderes gefehlt, der ihr geglaubt hat und ihre Symp­tome ver­standen hat. Und es hat ihr vor allem der Aus­tausch mit anderen Betrof­fe­nen gefehlt, die ihr gesagt hät­ten:

Wie kann ich denn im All­t­ag damit umge­hen? Wie erk­läre ich denn meinen Ange­höri­gen, woran ich da erkrankt bin? Oder wie ver­ste­he ich das denn selb­st? Was ist denn Pac­ing? Was ist PEM? Und warum ist denn mein Akku ständig leer, und warum hil­ft denn Schlaf nicht?

Sie hat­te so viele Fra­gen, auf die kein­er eine Antwort hat­te. Ihr Bedürf­nis damals war es tat­säch­lich zu allererst, ja, so ein Instinkt-Ver­hal­ten, jeman­den zu find­en, dem es genau­so geht. Und deswe­gen find­et sie es total toll, Chriz­zo gefun­den zu haben und mit ihr zusam­men so einen Pod­cast machen zu kön­nen.

Chriz­zo freut sich riesig. Sie kann sich nur anschließen und freut sich auf viele schöne Gespräche bei leck­erem Tee und was sie sich da so alles erzählen wer­den.

Was sich zu erzählen lohnt

Die bei­den über­legen kurz, was sie sich erzählen wollen. Chriz­zo nen­nt den Umgang im All­t­ag, den Umgang vielle­icht mit Ärzten und Arzt­ter­mi­nen. Das stellt sie, weil sie so kurz erkrankt ist, ganz schön vor Her­aus­forderun­gen. Mol­ly glaubt ihr das und sagt, Med­ical Gaslight­ing sei bei dieser Erkrankung Gang und Gäbe. Dann kom­men sie natür­lich auch zu dem Punkt: Wie kann ich das psy­chisch aushal­ten, wenn ich vom Arzt ein­fach nicht ernst genom­men werde, oder von der Fam­i­lie?

Sie kön­nen darüber sprechen, welche nüt­zlichen Apps es gibt, um Pac­ing und Symp­tome zu kon­trol­lieren. Sie kön­nen darüber reden, wie man Wei­h­nacht­en mit der Fam­i­lie ver­bringt, wenn plöt­zlich alles anders ist. Sie kön­nen auch gerne darüber reden, welche Sup­ple­mente oder Nahrungsergänzungsmit­tel geholfen haben. Oder welche aktuellen Ideen es zum Beispiel aus der Com­mu­ni­ty gibt.

Chriz­zo stimmt zu. Und was ihr auch ein großes The­ma ist: Wie hält man Kon­takt zu seinen Fre­un­den? Wie schafft man es da, nicht so ein­sam zu wer­den zu Hause, wenn so wenig Energie da ist? Wie schafft man es vielle­icht auch, zu den Arbeit­skol­le­gen weit­er­hin Kon­takt zu haben und mit dem Chef zu sprechen?

Wenn man so lange krankgeschrieben ist, gibt es da vielle­icht Prob­leme mit dem Arbeit­ge­ber, und wie kann man das gut lösen? Was gibt es vielle­icht dann auch für externe Hil­fe, die man sich ran­holen kann, entwed­er für den All­t­ag oder für den Umgang mit Ärzten oder Arbeit­ge­bern oder was da alles so für Prob­leme noch auf der Reise auf einen zukom­men kön­nen?

Mol­ly denkt dabei an Anträge, Hil­fen, Pflege, Rente, Schwer­be­hin­derte­nausweis. Das sind alles Dinge, die beschäfti­gen. Obwohl sie bei­de ja über die Erkrankung Myal­gis­che Enzephalomyelitis schon ganz gut bele­sen sind, oder wie Chriz­zo immer so gerne sagt: “aufgeschlaut sind”, (Mol­ly liebt dieses Worte), kön­nten sie darüber sprechen, welche Begriffe es gibt und wie sie benutzen.

Chriz­zo find­et das wichtig, denn die kom­men ja dann bei den näch­sten Fol­gen immer wieder auf. Und dann wäre es gut, wenn sie ein­mal die Begriffe definiert und gek­lärt hät­ten, sodass alle wis­sen: Wovon sprechen wir über­haupt?

Awareness Days, Gäste und ganz viele Ideen

Auch weit­er viele Ideen kom­men den Bei­den in den Sinn. Zwis­chen­durch gibt es Aware­ness Days. Mol­ly denkt an den 12. Mai, der der inter­na­tionale ME/CFS-Tag ist, und sie weiß, dass da schon wieder Liegend-Demon­stra­tio­nen geplant sind. In ganz Deutsch­land, organ­isiert von der Ini­tia­tive #Liegen­de­mo zum Beispiel. Und über so etwas kön­nen sie dann ein­fach im passenden Zeitraum sprechen.

Chriz­zo würde sich freuen, wenn sie sog­ar per­spek­tivisch immer mal jeman­den in den Pod­cast als Gast ein­laden kön­nten, wie zum Beispiel andere Betrof­fene, Ange­hörige oder Fach­leute, die über ein spezielles The­ma reden.

Mol­ly find­et das auch ganz span­nend und freut sich, dass sie so viele tolle The­men schon in ein­er ganz kurzen Brain­storm­ing-Runde zusam­men­tra­gen kon­nten. Sie ist sich ganz sich­er, da wird es noch sehr, sehr viele mehr geben.

Tee, bis die Tasse leer ist

Chriz­zo glaubt das auch. Das wird gut. Sie freut sich auf die näch­sten Fol­gen. Dieser Aus­tausch mit Mol­ly, also von Betrof­fe­nen für Betrof­fene, ist so wertvoll. Das ist Selb­sthil­fe im klas­sis­chen Sinne. Und es hat auch etwas, wenn die Zuhör­er ihnen dann so lauschen, bei ihrer Tasse Tee. Es fühlt sich ein biss­chen so an, als wären die bei­den doch zusam­men in einem Café und wür­den einen Tee trinken und sich unter­hal­ten.

Mol­ly ist auch voller Begeis­terung, aber sie sieht, ihr Tee ist für heute schon leer. Sie haben schon ganz schön viel Zeit ver­plaud­ert. Chriz­zo find­et das schade und Mol­ly schlägt vor: Solange sie einen Tee trinken, unter­hal­ten sie sich und besprechen eines dieser The­men. Und wenn Zuhörende (oder Lesende) da draußen noch The­men für sie haben, sollen sie sie gerne hier unten in die Kom­mentare schreiben. Auch freuen sich bei­de, wenn ihr Pod­cast auf allen Plat­tfor­men geliket, geteilt und abon­nieret wird. Gern auch in den sozialen Medi­en, damit sie viel Reich­weite für diese noch unbekan­nte und unver­sorgte Erkrankung ME/CFS bekom­men.

Chriz­zo ergänzt: Viele Betrof­fene wis­sen nicht, dass sie betrof­fen sind. Mit diesem Pod­cast wollen sie aufk­lären und zeigen, dass ME/CFS, die schw­er­ste Form von Long- und Post-Covid, eben jeden tre­f­fen kann. Das muss nicht nach ein­er Covid-Infek­tion sein, son­dern es ist eine postvi­rale Infek­tion, die nach jed­er Infek­tion auftreten kann. Wie bei Mol­ly, eben auch nach EBV.

Beste Grüße, an alle von Euch, von Mol­ly und Chriz­zo.



Feedbacks zur Folge

5 Kommentare zu „Folge #001: Lasst uns über ME/CFS sprechen“

  1. Avatar von Christa
    Christa

    Meine Diag­nose bekam in der ver­gan­genen Woche. Endlich! Nach jahre­langem Aerztemarathon ein Akt der Befreiung. Meine Tochter machte mich auf euren Pod­cast aufmerk­sam, weil eine Fre­undin auch an ME/CDS erkrankt ist.
    Wenn ich euch zuho­ere, füh­le ich mich nicht mehr so allein gelassen.
    Schicke euch an dieser Stelle ein ganz liebes Dankeschön.
    Liege grad den 5. Tag im Bett und sam­mele Infos ueber diese Krankheit.
    Bleibt trotz allem so fröh­lich und guter Dinge. Ich ver­suche es auch.
    Bin dann mal in der Teep­ause.
    Liebe, Liebe Grüße an euch und alle, die euch auch zuhörten
    Christa

    1. Avatar von Molly

      Danke, liebe Christa.
      Willkom­men in der Teep­ause. Schön, dass du unseren Pod­cast hörst. Möge er dir schlechte Erfrahrun­gen ers­paren, helfen mit ME zu Leben und immer ein Begleit­er in schlecht­en Stun­den sein.
      Danke für deine lieben Worte.
      Bestes Pac­ing, sta­bile Base­line und PENE-freie Zeit­en wün­schen wir dir.
      Mol­ly & Chriz­zo

  2. Avatar von Michael
    Michael

    Hal­lo Mol­ly, Hal­lo Chriz­zo.

    Ich bin dankbar euch zuhören zu kön­nen.
    Ihr sprecht mich sowas von an. Dank euch füh­le ich mich heute mit meinem ME nicht so alleine.
    Das tut gut. Danke.

    Paradiesis­che Grüße
    Michael

    1. Avatar von Molly

      Lieber Michael,
      vie­len Dank für deine Worte.
      Es freut uns, dass wir für euch — trotz der Schwere — da sein kön­nen.
      Ganz liebe Grüße zurück (ins Paradies 🙂
      Mol­ly

  3. Avatar von Molly
    Mol­ly

    Liebe Chriz­zo, Danke, dass du so viel Ver­trauen gezeigt hast und mit mir diesen Pod­cast — obwohl ich noch Bettge­bun­den war — ins Leben gerufen hast.
    Schön, dass wir mit­tler­weile ein­jähriges feiern. Danke dir von Herzen 🥰🫶🙏
    Deine Mol­ly


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5 Kommentare zu „Folge #001: Lasst uns über ME/CFS sprechen“

  1. Meine Diag­nose bekam in der ver­gan­genen Woche. Endlich! Nach jahre­langem Aerztemarathon ein Akt der Befreiung. Meine Tochter machte mich auf euren Pod­cast aufmerk­sam, weil eine Fre­undin auch an ME/CDS erkrankt ist.
    Wenn ich euch zuho­ere, füh­le ich mich nicht mehr so allein gelassen.
    Schicke euch an dieser Stelle ein ganz liebes Dankeschön.
    Liege grad den 5. Tag im Bett und sam­mele Infos ueber diese Krankheit.
    Bleibt trotz allem so fröh­lich und guter Dinge. Ich ver­suche es auch.
    Bin dann mal in der Teep­ause.
    Liebe, Liebe Grüße an euch und alle, die euch auch zuhörten
    Christa

    1. Danke, liebe Christa.
      Willkom­men in der Teep­ause. Schön, dass du unseren Pod­cast hörst. Möge er dir schlechte Erfrahrun­gen ers­paren, helfen mit ME zu Leben und immer ein Begleit­er in schlecht­en Stun­den sein.
      Danke für deine lieben Worte.
      Bestes Pac­ing, sta­bile Base­line und PENE-freie Zeit­en wün­schen wir dir.
      Mol­ly & Chriz­zo

  2. Hal­lo Mol­ly, Hal­lo Chriz­zo.

    Ich bin dankbar euch zuhören zu kön­nen.
    Ihr sprecht mich sowas von an. Dank euch füh­le ich mich heute mit meinem ME nicht so alleine.
    Das tut gut. Danke.

    Paradiesis­che Grüße
    Michael

    1. Lieber Michael,
      vie­len Dank für deine Worte.
      Es freut uns, dass wir für euch — trotz der Schwere — da sein kön­nen.
      Ganz liebe Grüße zurück (ins Paradies 🙂
      Mol­ly

  3. Liebe Chriz­zo, Danke, dass du so viel Ver­trauen gezeigt hast und mit mir diesen Pod­cast — obwohl ich noch Bettge­bun­den war — ins Leben gerufen hast.
    Schön, dass wir mit­tler­weile ein­jähriges feiern. Danke dir von Herzen 🥰🫶🙏
    Deine Mol­ly

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