Die FAME-Studie in Erlangen: Auf der Suche nach dem Biomarker für ME

Ein Erfahrungs­bericht aus der Per­spek­tive ein­er Stu­di­en­teil­nehmerin – und was diese Studie für alle ME-Betrof­fe­nen bedeuten kön­nte.

„Erlan­gen, Augen­klinik – Tag 2 der FAME-Studie. Mit Roll­stuhl, Begleit­per­son und etwas Hoff­nung im Gepäck.”

Was ist ME?

Myal­gis­che Enzephalomyelitis (ME) – auch bekan­nt unter ME/CFS – ist eine schwere chro­nis­che Mul­ti­sys­te­merkrankung, die vor­wiegend das Ner­ven- und Immun­sys­tem bet­rifft. Sie wird meist durch eine Infek­tion aus­gelöst. In Deutsch­land sind schätzungsweise über 650.000 Men­schen erkrankt – fast dreimal so viele wie bei Mul­ti­pler Sklerose.

Das Leit­symp­tom ist die soge­nan­nte Post-Exer­tionelle Neu­roim­mune Entkräf­tung (PENE/PEM): Schon unver­hält­nis­mäßig geringe kör­per­liche, geistige oder sen­sorische Belas­tung kann zu ein­er teils schw­eren Zus­tandsver­schlechterung führen, die Stun­den, Tage oder Wochen andauert. Zum kom­plex­en Krankheits­bild gehören außer­dem aus­geprägte Schmerzen, Muskelschwäche, schwere Fatigue, kog­ni­tive Funk­tion­sstörun­gen, Schlaf­störun­gen, Kreis­lauf­prob­leme, Überempfind­lichkeit auf Sin­nes­reize sowie Störun­gen des Immun­sys­tems und des autonomen Ner­ven­sys­tems.

ME ist eine Auss­chluss­di­ag­nose – einen ein­deuti­gen diag­nos­tis­chen Bio­mark­er gibt es bis­lang nicht. Anerkan­nte Ther­a­pi­en oder Medika­mente, die die ursäch­lichen Krankheitsmech­a­nis­men effek­tiv behan­deln oder heilen kön­nten, gibt es nicht. Die medi­zinis­che und soziale Ver­sorgungslage ist unzure­ichend, Fehldiag­nosen und Folgeschä­den sind keine Sel­tenheit.

Meine Hausärztin und ich hat­ten immer ver­mutet, was dem heuti­gen, rück­blick­enden Ver­ständ­nis gle­ichkommt: ME ent­stand bei mir im Jahr 2001, nach ein­er EBV-Erstin­fek­tion in der Schulzeit. Seit­dem begleit­et mich diese schwere Mul­ti­sys­te­merkrankung mit schwank­en­dem Ver­lauf durch mein ganzes Leben. Die meiste Zeit bin ich mild bis stark eingeschränkt – phasen­weise über Monate oder sog­ar Jahre hin­weg ans Bett oder Haus gebun­den.

Seit eini­gen Jahren hole ich den Roll­stuhl immer dann her­vor, wenn ich mich in einem Abwärt­strend befinde – was meis­tens nach einem erneuten infek­tiösen Geschehen passiert. Es gab in meinem Leben dur­chaus Zeit­en ohne PENE/PEM. Seit dem let­zten großen Crash in 2024 lei­der nicht mehr. Den­noch bin ich zuver­sichtlich, dass dies nicht so bleiben muss.

Gemein­sam mit Chriz­zo berichte ich im Pod­cast Teep­ause | Unser Leben mit ME über genau solche The­men – aus der Per­spek­tive der Betrof­fe­nen. Unmit­tel­bar nach der Stu­di­en-Teil­nahme habe ich Chriz­zo Sprach­nachricht­en geschickt und für euch alle im Pod­cast veröf­fentlicht.

Die FAME-Studie: Was steckt dahinter?

FAME ste­ht für Funk­tionelle Autoan­tikör­p­er gegen G‑Pro­tein-gekop­pelte Rezep­toren bei Betrof­fe­nen mit ME. Die Studie wird an der Augen­klinik des Uni­ver­sität­sklinikums Erlan­gen durchge­führt, unter der Leitung von PD Dr. Dr. Bet­ti­na Hohberg­er. Sie läuft von 2024 bis 2027 und wird vom Bun­desmin­is­teri­um für Forschung, Tech­nolo­gie und Raum­fahrt (BMFTR) mit rund 1,76 Mil­lio­nen Euro gefördert. Das ist Teil ein­er “größeren” nationalen Ini­tia­tive: Ins­ge­samt stellte das BMBF 2024 rund 15 Mil­lio­nen Euro für ME-Forschung bere­it. Nicht annäh­ernd genug, um eine uner­forschte Erkrankung zu studieren — aber immer­hin ein winziger Anfang.

Das zen­trale Ziel von FAME ist es, die Mech­a­nis­men hin­ter ME bess­er zu ver­ste­hen und neue Bio­mark­er zu find­en, die eine frühzeit­ige Diag­nose und eine indi­vidu­ellere Behand­lung ermöglichen.

Der voll­ständi­ge Stu­di­en­ti­tel lautet: Neu­rovaskuläre Kop­plung – endothe­liale Dys­funk­tion und gestörte Mikrozirku­la­tion: Moleku­lare Inter­ak­tio­nen, epi­genetis­che Mod­i­fika­tio­nen sowie Ein­fluss von Immunphänome­nen. Klingt sper­rig, beschreibt aber sehr präzise, was die Studie sucht: Zusam­men­hänge zwis­chen immu­nol­o­gis­chen Phänome­nen, Durch­blu­tungsstörun­gen in kle­in­sten Gefäßen und dem klin­is­chen Bild von ME.

Da die Symp­tome von ME/CFS oft postin­fek­tiösen Ursprungs sind, fokussiert sich das Pro­jekt darauf, Zusam­men­hänge zwis­chen Infek­tio­nen, der Bil­dung von Autoan­tikör­pern und der Entste­hung der Krankheit zu erforschen.

Augen­klinik Erlan­gen FAME Studie

Was sind funktionelle Autoantikörper und warum sind sie so interessant?

Im Mit­telpunkt der FAME-Studie ste­hen soge­nan­nte GPCR-fAAb: funk­tionelle Autoan­tikör­p­er gegen G‑Pro­tein-gekop­pelte Rezep­toren. Was bedeutet das?

G‑Pro­tein-gekop­pelte Rezep­toren sitzen auf der Ober­fläche viel­er Kör­perzellen und steuern grundle­gende Funk­tio­nen wie Herz­schlag, Blut­druck, Durch­blu­tung und das Ner­ven­sys­tem. Bei manchen Men­schen bildet das Immun­sys­tem fälschlicher­weise Antikör­p­er gegen genau diese Rezep­toren. „Funk­tionell” heißen die Antikör­p­er, weil sie die Rezep­toren nicht nur angreifen – sie steuern sie aktiv falsch. Sie kön­nen Prozesse im Kör­p­er an- oder abschal­ten, die unter nor­malen Umstän­den präzise reg­uliert sein soll­ten.

Aus Post-COVID-Stu­di­en gibt es erste Hin­weise, dass genau diese Antikör­p­er zu Durch­blu­tungsstörun­gen im Gehirn und in den Augen beitra­gen kön­nen. Da ME in vie­len Fällen nach ein­er Infek­tion begin­nt und ähn­liche Symp­tome zeigt wie Long COVID, liegt die Frage nahe: Spie­len diese Autoan­tikör­p­er auch bei ME eine zen­trale Rolle?

Die Wis­senschaft geht zunehmend davon aus, dass ME kein ein­heitlich­es Krankheits­bild ist, son­dern sich in ver­schiedene Sub­typen unterteilen lässt – je nach zugrun­deliegen­dem Mech­a­nis­mus. FAME fokussiert sich gezielt auf den autoim­mun-getrig­gerten Sub­typ, bei dem fehlgeleit­ete Immunreak­tio­nen und funk­tionelle Autoan­tikör­p­er im Mit­telpunkt ste­hen.

Wie misst man funktionelle Autoantikörper?

Mollys Autoan­tikör­p­er im ELISA-Test

Das Messver­fahren ist aufwändig und faszinierend. Ein gewöhn­lich­er ELISA-Test, wie hier in meinem Ergeb­nis aus 2024, reicht da nicht aus — ist aber vielle­icht ein erstes Indiz.

Bei der Mes­sung funk­tioneller Autoan­tikör­p­er wird das Blut­serum der Stu­di­en­teil­nehmenden zunächst einge­froren um par­al­lel im Labor eine sta­bile Charge Herz­muskelzellen aus Zel­lkul­turen von sehr jun­gen Rat­ten­herzen herzustellen. Diese kün­stlich hergestellen Zellen schla­gen und wenn man dann das Blut von den Patien­ten mit den funk­tionalen Autoan­tikör­pern daraufgibt, erhöhen oder erniedri­gen sich die Schlagfre­quen­zen. Das ist dann das Zeichen für vorhan­dene funk­tionelle Autoan­tikör­p­er.

Dieses Ver­fahren misst also nicht, ob ein Antikör­p­er vorhan­den ist, son­dern ob er tat­säch­lich etwas im Kör­p­er bewirkt. Das ist der entschei­dende Unter­schied zu herkömm­lichen Tests.

Was haben die Augen damit zu tun?

Das ist der beson­ders cle­vere Teil des Stu­di­en­de­signs. Die Augen gel­ten als einzi­gar­tiges Fen­ster zur Mikrozirku­la­tion des Kör­pers. An der Net­zhaut lassen sich kle­in­ste Blut­ge­fäße nicht-inva­siv und sehr präzise unter­suchen – zum Beispiel mit der Optis­chen Kohären­z­to­mo­gra­phie (OCT).

Die Forschen­den prüfen, ob bei ME-Betrof­fe­nen mess­bare Verän­derun­gen in der Augen­durch­blu­tung vor­liegen und ob diese mit dem Nach­weis von GPCR-Autoan­tikör­pern zusam­men­hän­gen.

Wenn das gelingt, hät­ten wir möglicher­weise zum ersten Mal einen objek­tiv­en, mess­baren Bio­mark­er für ME – ables­bar am Auge.

Wer kann teilnehmen?

Die Studie schließt mehrere Kohort­en ein: ME-Betrof­fene mit postin­fek­tiösem Erkrankungs­be­ginn – aus­drück­lich auch Men­schen, die bere­its vor der Pan­demie erkrankt sind –, Post-COVID-Betrof­fene und gesunde Kon­troll­proban­den. Ich gehöre zur prä-pan­demis­chen ME-Kohorte.

Außer­dem wer­den noch Kinder und Jugendliche zwis­chen 12 und 17 Jahren gesucht, die ME entwick­elt haben — egal ob nach Infek­tiös oder Imp­fung.

Offiziellen Fly­er hier als PDF herun­ter­laden

Voraus­set­zun­gen: Eine ärztlich bestätigte ME-Diag­nose und die Möglichkeit, per­sön­lich nach Erlan­gen zu kom­men. Reise- und Über­nach­tungskosten wer­den nicht erstat­tet. Das ist ein real­er Kosten­fak­tor, den man ein­pla­nen sollte. Ich liege auf der Bell-Skala ger­ade zwis­chen 20 und 30, brauche immer eine Begleit­per­son – und das Hotelz­im­mer davor und danach ist keine Kür, son­dern schlicht notwendig.

Anmel­dung: recover.au@uk-erlangen.de, Betr­e­ff „Teil­nahme FAME”

Vorbereitung: Was auf einen zu kommen kann

Die Studie kann aus drei Ter­mi­nen beste­hen. Die Vor­bere­itung auf den ersten ist umfan­gre­ich.

Benötigt wer­den aktuelle Labor­w­erte: großes Blut­bild, Leber- und Nieren­werte, Schild­drüse, Cor­ti­sol, ANA-Pro­fil, Bor­re­lien-Antikör­p­er, EBV, CMV, HIV sowie Hepati­tis B und C. Dazu alle vorhan­de­nen Arzt­briefe aus Neu­rolo­gie, Kar­di­olo­gie, Endokri­nolo­gie und Rheuma­tolo­gie – geord­net nach Fachrich­tung. Außer­dem mehrere vali­dierte Frage­bö­gen: Bell-Skala, Chalder Fatigue Scale, Fatigue Sever­i­ty Scale, PEM-Kri­te­rien nach den Kanadis­chen Kri­te­rien, SF-36 und HAQ-DI.

Ich habe für das Aus­füllen zwei Tage gebraucht. Und ich war sehr froh, dass ich meine Krankengeschichte über die Jahre in ein­er Excel-Tabelle doku­men­tiert habe – mit allen Infek­ten, Imp­fun­gen, Medika­menten und Behand­lun­gen. Diese Tabelle hat mir enorm viel Energie ges­part. Ich kann jedem ME-Betrof­fe­nen empfehlen, so etwas anzule­gen. Es zahlt sich aus – bei Stu­di­en, bei Arztbe­suchen, bei Gutacht­en.

Mein Erfahrungsbericht

Tag 1: Das Immunologie-Gespräch

Ich bin rund 90 Minuten vor dem bestell­ten Ter­min angekom­men. Eigentlich war der Plan, irgend­wo ein ruhiges Plätzchen zu find­en und von der Fahrt auszu­ruhen. Aber allein die Anmel­dung – erst all­ge­mein, dann in der Medi­zinis­chen Klinik 3 selb­st – dauerte schon länger als eine Stunde.

Mein Mann hat­te mich begleit­et und hob mir den Roll­stuhl aus und in das Auto. Das war viel wert. Außer­dem hat­ten wir Masken, Son­nen­brille, Kopfhör­er und Pfef­fer­minzöl (gegen die Kopf­schmerzen), ein paar Getränke (Tee und Wass­er), eine Kleinigkeit zum Essen (meine Bit­ter­schoko­lade natür­lich) und den dick­en Aktenord­ner mit über 100 Befun­den dabei. Ich war so gut vor­bere­it­et, wie es möglich und nötig ist, wenn man chro­nisch krank ist.

Die Blutab­nahme über­nahm Hat­ice, eine aus­ge­sprochen fre­undliche Schwest­er, mit der ich mich wirk­lich gut unter­hal­ten habe. Das war eine der angenehm­sten Sit­u­a­tio­nen des gesamten Tages.

Das Arzt­ge­spräch bei Frau Dr. Har­rer dauerte knapp drei Stun­den – und war so umfan­gre­ich, wie ich es noch nie erlebt hat­te. Sie fragte nicht nur meine Krankengeschichte ab, son­dern rekon­stru­ierte meine gesamte Biografie und stellte Zusam­men­hänge her, die in 25 Jahren noch nie­mand so betra­chtet hat­te. Warum musste ich das Juras­tudi­um nach dem Grund­studi­um abbrechen? Weil ich nicht mehr wollte – oder weil ich nach der Geburt mein­er Tochter kör­per­lich und kog­ni­tiv schlicht nicht mehr in der Lage war? Was hat­te es mit dem Zeck­en­biss aus dem Jahr 2008 auf sich? Wurde der jemals gründlich auf Bor­re­liose unter­sucht?

Sie stellte Fra­gen und zog Schlüsse, wie ich es son­st nur von mir selb­st kan­nte. Sie kam zur gle­ichen Ein­schätzung wie meine ehe­ma­lige Hausärztin und ich: Mein ME hat wahrschein­lich mit der EBV-Erstin­fek­tion 2001 begonnen. Ich war damals 16 und erholte mich immer noch von ein­er Blind­darm-OP, die Monate zurück­lag. Bei­den Hin­weisen – ein­er reak­tivierten Her­pes-Infek­tion wie auch möglichen Bor­re­lien nach dem Zeck­en­biss – wird nun detail­liert nachge­gan­gen.

Ihre diag­nos­tis­che Grund­hal­tung hat mich tief beein­druckt. Sie geht davon aus, dass ME eine Autoim­munerkrankung ist, die durch einen viralen oder bak­teriellen Trig­ger aus­gelöst wird und so lange aktiv bleibt, wie das Sys­tem entzün­det ist. Anti­in­flam­ma­torische Maß­nah­men, das Zurück­drän­gen per­sistieren­der Erreger und kon­se­quentes Pac­ing kön­nten das autoim­mune Geschehen langfristig dämpfen – vielle­icht sog­ar die Erkrankung in eine Art Teil­re­mis­sion brin­gen. Ich per­sön­lich gehe inzwis­chen davon aus, dass es zumin­d­est einen autoim­mun-getrig­gerten Sub­typ bei ME gibt.

Als Teenag­er habe ich immer gesagt: Ich glaube, ich habe eine sel­tene immu­nol­o­gis­che Erkrankung. Wie recht ich damit behielt, war mir damals natür­lich nicht bewusst. Sel­ten ist ME zwar nicht – aber sel­ten bekan­nt. Es ist eine Erkrankung, die noch immer viel zu wenig erforscht und im Medi­zin­studi­um kaum ver­mit­telt wird. Nach 25 Jahren war ich nun das erste Mal wirk­lich in der Immunolo­gie – und wurde nicht nur ernst genom­men, son­dern von A bis Z befragt und unter­sucht. Das hat etwas mit mir gemacht. Es war und ist heil­sam. Es fühlt sich gut an, endlich gehört und ver­standen zu wer­den.

„Als Teenag­er habe ich immer gesagt: Ich glaube, ich habe eine sel­tene immu­nol­o­gis­che Erkrankung. Wie recht ich damit behielt, war mir damals nicht bewusst. Nach 25 Jahren war ich nun das erste Mal wirk­lich in der Immunolo­gie und wurde nicht nur ernst genom­men, son­dern von A bis Z befragt und unter­sucht. Das hat etwas mit mir gemacht.”

Mol­ly, langzeit ME-Erkrank­te

Was die Gesprächs­führung ange­ht, muss ich ehrlich sein: Frau Dr. Har­rer spricht sehr schnell, stellt mehrere Fra­gen gle­ichzeit­ig und unter­bricht, bevor man die erste beant­worten kann. Das war für mich als ME-Betrof­fene mit kog­ni­tiv­en Ein­schränkun­gen erhe­blich anstren­gend. Gegen Ende des Gesprächs hat­te ich die ersten Zeichen ein­er akuten Über­las­tung deut­lich gespürt: starke Schmerzen am ganzen Kör­p­er, und meine Augen ließen sich kaum noch offen hal­ten.

Trotz­dem möchte ich klar sagen: Ihren Job macht sie wirk­lich sehr gut. Ihre Auf­gabe ist es, die richti­gen Kohort­en einzuschließen – und das nimmt sie ver­dammt ernst. Das hat mich so sehr gefreut. Denn viel zu oft wur­den Stu­di­en durchge­führt, deren Kohort­en­bil­dung so unein­deutig war, dass die Ergeb­nisse nur ver­fälscht sein kon­nten.

Am Ende bedank­te sie sich zweimal dafür, dass ich an der Studie teil­nehme. Aber ich war eben­falls dankbar – nicht nur weil sie den Ver­lauf mein­er Erkrankung ein­ge­ord­net und nachvol­l­zo­gen hat, son­dern auch weil sie mir konkrete Virus­ta­ti­ka gegen die reak­tiv­en Her­pesviren ver­schrieben hat.

Tag 2: Die Augenuntersuchung

Die Augen­klinik war voll. Auch an diesem Tag bin ich zum Glück mehr als 60 Minuten früher dagewe­sen – ist ja eigentlich nicht meine Art. Aber es war gut so, denn auch an diesem Don­ner­stag gab es viele geplante Ter­mine und akute Fälle. Allein für die Anmel­dung saß ich im Roll­stuhl eine halbe Stunde in der Schlange. Dann kam die lei­t­ende Dok­torandin, die ihre Dis­ser­ta­tion über genau dieses The­ma schreibt, und begleit­ete mich die gesamten dreiein­halb Stun­den per­sön­lich.

Der Umgang war durchge­hend wertschätzend und vorauss­chauend. Sie war wirk­lich lieb zu mir. Ich bekam die beque­meren Stüh­le ange­boten, durfte die Beine hochle­gen, die Schuhe ausziehen und wann immer nötig Pausen machen. Auch der Umgang der Kol­le­gen untere­inan­der war respek­tvoll und fre­undlich – das hat mich pos­i­tiv über­rascht.

Über die einzel­nen Mes­sun­gen darf ich nicht im Detail bericht­en, da die Stu­di­en­dat­en erst am Ende kumu­la­tiv aus­gew­ertet wer­den. Was ich sagen kann ist, es gab sehr viele ver­schiedene Unter­suchun­gen – von Ultra­schall über die Augen­lid­er bis zu klas­sis­chen oph­thal­mol­o­gis­chen Mess­geräten, Kap­il­larmikroskopie und Funk­tion­stests. Zweimal bekam ich Augen­tropfen: ein­mal zur leicht­en Betäubung, ein­mal zur Weit­stel­lung der Pupille für die let­zte Mes­sung. Egal um welchen Test es sich han­delte – Frau Geißler war vorauss­chauend, fre­undlich und erk­lärte uns alles sehr genau.

Ein per­sön­lich­es High­light war eine Mes­sung des räum­lichen Sehver­mö­gens mit ein­er Vir­tu­al-Real­i­ty-Brille. In ein­er 3D-Umge­bung musste ich schnell entschei­den, welch­er von vier Fußbällen mir am näch­sten war. Das war natür­lich das Richtige für mich als Zock­erin. Zwis­chen den Durchgän­gen lan­dete man in ein­er dig­i­tal­en Lob­by bei Nacht – Ster­nen­him­mel, Stille, Mond. Ich habe den Mond so genossen und wäre am Ende ein­fach gern dort geblieben. Ein­fach schön.

Eine andere Mes­sung dauerte fün­fein­halb Minuten, und die Dok­torandin war begeis­tert, wie ruhig ich einen Punkt so lange fix­ieren kon­nte. Ich musste bei wech­sel­n­dem hellem Licht ein Kreuz anse­hen, ohne die Augen zu bewe­gen. Ich habe die Zeit genutzt, um mit offe­nen Augen zu medi­tieren – ich war dabei völ­lig woan­ders, und trotz­dem hielt mein Blick den Punkt ruhig und fest. Es war allerd­ings auch die ermü­dend­ste Auf­gabe für die Augen.

Außer­dem gab es noch einen kurzen Krafttest, bei dem ich einen Ball knetete, während ein Pulsmess­er am Unter­arm befes­tigt war – eine Art Mini-Belas­tung­stest, ver­mut­lich zur Mes­sung der kör­per­lichen Reak­tion auf Anstren­gung.

Bei zwei Mes­sun­gen gab es Auf­fäl­ligkeit­en. Mir wurde erk­lärt, dass man Ähn­lich­es häu­figer bei Post-COVID-Patien­ten beobachtet. Was das für die prä-pan­demis­che ME-Kohorte bedeutet, wird die Auswer­tung zeigen.

Und noch eine kleine, aber für mich per­sön­lich sehr schöne Nachricht vom Ende des Tages: Meine Lese-Sehkraft liegt bei bei­den Augen bei 1,0. Das hat mich beson­ders gefreut – denn auf die Frage, was bei mir eigentlich noch gut funk­tion­iert, antworte ich gern: meine Augen.

Was das Studiendesign bedeutet und warum das so wichtig ist

Die FAME-Studie arbeit­et nach inter­na­tion­al anerkan­nten ME-Diag­nose­s­tandards. Ver­wen­det wer­den sowohl die Kanadis­chen Kon­sen­sus-Kri­te­rien (CCC) als auch die Inter­na­tionalen Kon­sen­sus-Kri­te­rien (ICC). Das bedeutet: Wer eingeschlossen wird, erfüllt klin­isch klar definierte Voraus­set­zun­gen. Es geht nicht um dif­fuse Erschöp­fung, son­dern um eine präzise abge­gren­zte Myal­gis­che Enzephalomyelitis.

Was mich nach meinem Besuch in der Immunolo­gie beson­ders überzeugt hat: Frau Dr. Har­rer nimmt die Kohort­en­bil­dung außeror­dentlich ernst. Sie hakt kon­se­quent nach, fragt tiefge­hend und duldet keine Unklarheit­en. Dieser Sorgfalt ist es zu ver­danken, dass in der FAME-Studie wirk­lich passende und homo­gene Kohort­en entste­hen. Wenn die Wis­senschaft davon aus­ge­ht, dass ME sich in Sub­typen gliedern lässt, dann ist eine saubere Kohort­en­bil­dung die Grund­vo­raus­set­zung dafür, diese Sub­typen über­haupt sicht­bar zu machen.

Die Symp­tomer­fas­sung ist sehr umfassend: Fatigue (Chalder Scale, FSS, FAC­IT-Fatigue), Schmerz (NRS mit Schmerzverteilungskarte), Funk­tions­fähigkeit (Bell-Skala, HAQ-DI, SF-36) und PENE/PEM-Kri­te­rien, ergänzt durch ein voll­ständi­ges Screen­ing auf POTS, kog­ni­tive Störun­gen, Reizüber­flu­tung, Schlaf­störun­gen und Immunphänomene.

Die pseu­do­nymisierten Dat­en fließen – nach indi­vidu­eller Ein­willi­gung – in ein inter­na­tionales Net­zw­erk von Koop­er­a­tionspart­nern ein, darunter das Helmholtz Zen­trum München, das Max Del­brück Zen­trum Berlin, Berlin Cures GmbH sowie das Hamil­ton Glau­co­ma Cen­ter in San Diego, das Dev­ers Eye Insti­tute in Port­land und das Max-Planck-Insti­tut für die Physik des Lichts in Erlan­gen. Für mich ein ein­drucksvoller Beleg für den wis­senschaftlichen Anspruch dieses Pro­jek­ts.

Denn jahre­lang wurde ME als psy­cho­so­ma­tisch abge­tan. Betrof­fene wur­den nicht ernst genom­men, falsch behan­delt oder ein­fach allein gelassen. Das ändert sich ger­ade und die FAME-Studie ist ein wichtiger Teil davon.

Ein anerkan­nter diag­nos­tis­ch­er Bio­mark­er würde vieles verän­dern. Die Diag­noses­tel­lung wäre ein­fach­er, die sozial­rechtliche Anerken­nung damit höher und die medi­zinis­che Ver­sorgung sowie die Forschung auf wirk­same Ther­a­pi­en umso bess­er. Ob FAME diesen Bio­mark­er find­et, bleibt abzuwarten. Meine Dau­men sind gedrückt.

Mein Fazit

Voller Schmerzen (oder knülle, wie ich gern sage), völ­lig entkräftet und mit dem mul­mi­gen Gefühl, dass PENE in etwa 62 Stun­den zuschla­gen wird, bin ich ins Hotelz­im­mer zurück­gekehrt. Aus jahre­langer Erfahrung und detail­liertem Tage­buch­führen kenne ich diesen Prozess nur zu gut. Ein Hin­weis für mein Brain­fog-Zukun­fts-Ich ist bere­its im Kalen­der notiert – damit ich weiß, warum es mich wieder ein bis drei Tage kom­plett ans Bett fes­selt.

Und trotz­dem habe ich das für uns alle sehr gerne gemacht. In der Hoff­nung, dass das Team in Erlan­gen einen Bio­mark­er find­en wird und in dem Wis­sen, dass es sich heil­sam anfühlt, ernst genom­men zu wer­den. Dass es Hoff­nung gibt, wenn jemand wirk­lich nach den richti­gen Antworten sucht und Kohort­en mit der nöti­gen Sorgfalt bildet.

An dieser Stelle ein ganz großes Dankeschön an das gesamte FAME-Stu­di­en­team in Erlan­gen und an alle Stu­di­en­teil­nehmenden. Ich weiß, welch­es Opfer ihr dafür erbracht habt. Es war wirk­lich furcht­bar anstren­gend. Aber ich glaube, es war es wert.

Deshalb hoffe ich von ganzem Herzen, dass meine und die Dat­en aller anderen Teil­nehmenden dazu beitra­gen, dass wir 2027 gemein­sam bericht­en kön­nen: Es gibt einen diag­nos­tis­chen Bio­mark­er für ME.

Im Novem­ber 2025 fand bere­its ein erster wis­senschaftlich­er Halb­tagskongress zu dieser Studie statt. Ich fand ihn damals schon sehr inter­es­sant. Ein zweit­er Kongress ist für Som­mer 2026 geplant. Dies­mal werde ich wieder darüber bericht­en.

Quellen: Augen­klinik des Uni­ver­sität­sklinikums Erlan­gen, Stu­di­enun­ter­la­gen FAME, Deutsche Gesellschaft für ME/CFS (mecfs.de), ME/CFS Research Foun­da­tion (mecfs-research.org)

Die Autorin ist ME-Betrof­fene, Teil­nehmerin der FAME-Studie und Pod­cas­t­erin bei Teep­ause | Unser Leben mit ME. Einzelne Stu­di­en­dat­en wur­den nicht weit­ergegeben; alle beschriebe­nen Unter­suchun­gen sind nur soweit dargestellt, wie es das Stu­di­en­pro­tokoll erlaubt.

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