Meine Geschichte mit dem ersten Apherese-Zyklus

„Ich erin­nere mich noch genau an diesen Mor­gen in Mül­heim an der Ruhr. Ich kon­nte kaum fünf Sekun­den ste­hen, ohne von dem ver­dammten Herzrasen umz­u­fall­en, deswe­gen nah­men wir selb­st für die weni­gen Meter den Klap­pro­ll­stuhl. Tobi, mein Mann, über­holte samt mir eine hochschwan­gere Frau, die mit aller Kraft ihren an ME erkrank­ten Mann die Rampe hochrollte. Tobi öffnete die Tür und hielt sie so lange auf, dass auch die wer­den­den Eltern ohne Weit­eres ins Gebäude kamen.

Der Mann im Roll­stuhl trug, genau wie ich, Over-Ear-Kopfhör­er. Doch wo meine Son­nen­brille saß, schützte ihn eine Augen­maske. Ich kon­nte mir gut vorstellen, wie ori­en­tierungs­los sein Ner­ven­sys­tem ver­suchte, diesen Trans­port einzuord­nen.

„Auch zu Frau Jäger? Etage 2?“, fragte mein Mann die junge Frau, die ihrem Mann behut­sam die Hand auf die Schul­ter legte. „Ja, danke.“

Es stellte sich her­aus, dass Jen­ny und Ben – wie ich die zwei nen­nen möchte – eben­falls das erste Mal zur HELP-Apherese hier­herka­men. Die Mikroklots-Unter­suchung, das Arzt­ge­spräch und die Blu­tent­nah­men hat­ten auch sie schon hin­ter sich gebracht. Heute sollte die erste Wäsche zeigen, ob sie das ver­sprach, was wir nur in unseren kühn­sten Träu­men zu hof­fen ver­mocht­en.

„Frau Mol­ly, ganz nach hin­ten, und Ben bitte in Zim­mer 2“, sagte Schwest­er Franziska. Ich mochte ihre Haarspange und die Art, wie sie lächelte.

Zöger­lich rollte Tobi mich ins Zim­mer. Dort standen sieben bequeme Liegen und an jed­er eine inter­es­sante Mas­chine. Fünf Plätze waren bere­its belegt. „So sieht es bes­timmt aus, wenn die Reichen und Schö­nen sich Well­ness gön­nen“, dachte ich und legte mich auf das erste freie Bett.

Sieben Liegen, sieben Schicksale

Ein Pfleger kam direkt auf mich zu: „Hal­lo, ich bin Klaus. Sie sind Mol­ly?“ Ich nick­te. „Waren Sie schon auf der Toi­lette?“ Mein­er Ver­wun­derung ent­nahm er wohl die Antwort, denn er erk­lärte: „Während der Behand­lung kön­nen Sie nicht gehen, und die kann beim ersten Mal gute drei, wenn nicht sog­ar vier Stun­den dauern.“

Nach­dem ich vom WC zurück­kam – ich ver­suchte meine Blase so leer zu bekom­men wie noch nie –, beugte sich Klaus über meinen Arm und begutachtete meine Venen. Schwest­er Daniela lächelte mich an und redete in ruhigem Ton auf mich ein. „Kneten Sie den Ball. Ich wärme gle­ichzeit­ig Ihre Arm­beuge an. Alles wird gut.“ Dann wandte sie sich Klaus zu und fragte: „Rechts raus und links rein?“ Klaus nick­te.

Ich war nervös und fragte mich, was mich erwartete. Tre­ff­sich­er und kaum merk­lich traf Klaus meine Vene am recht­en Arm mit ein­er so großen Nadel, wie ich sie noch nie gese­hen hat­te. „Na pri­ma, das hat doch gut geklappt.“ Ich lächelte erle­ichtert und sagte: „Links ist eigentlich auch ein gutes Gefäß. Sie ver­steckt sich zwar gern und rollt etwas zur Seite, aber sie ist kräftig.“ „Oh, toll! Da haben wir eine Ken­ner­in. Danke für den Tipp!“ Auch am anderen Arm ragte plöt­zlich eine riesige Nadel her­aus und wurde mit Kle­be­band fix­iert. „Wie soll ich mir jet­zt die Nase kratzen?“, fragte ich. Klaus schmun­zelte, während er die Mas­chine ein­schal­tete: „Das machen wir für dich.“

Mein Blut floss durch einen durch­sichti­gen Schlauch in ein Gerät, das aus­sah wie etwas zwis­chen Waschmas­chine und Raum­schiff. Gar nicht wild, wie ich erle­ichtert fest­stellte. Lediglich das erste Vib­ri­eren der Mas­chine beim Hochfahren fühlte sich unbe­haglich an. Dann floss das Blut ein­fach – ruhig, stetig, fast med­i­ta­tiv. Schwest­er Daniela erk­lärte mir, dass im ersten Fil­ter die Ery­throzyten, die roten Blutkör­perchen, vom Plas­ma getren­nt wer­den. Während das Plas­ma in einem zweit­en Fil­ter gesam­melt wird, fließen die roten Blutzellen durch den linken Arm direkt zurück in den Kör­p­er. Ich lag ganz still da und hat­te hun­derte Fra­gen. Aber der Moment war so span­nend, dass ich kaum einen Satz her­aus­brachte, außer: „Hof­fentlich hil­ft es.“

Klaus prüfte die Durch­flussgeschwindigkeit, und als die Mas­chine laut piepte, erin­nerte er mich fre­undlich, aber bes­timmt daran, den Schaum­stoff­ball in mein­er Hand regelmäßig zu drück­en. Er zog den Stauschlauch am recht­en Arm etwas fes­ter und erhöhte die Geschwindigkeit von 40 auf 60. Meine Bet­tnach­barin sah trau­rig zur Decke. Sie war in Gedanken. Später erzählte sie mir ihre Geschichte, und ich hörte ihr ges­pan­nt zu. „Auch so ein schlimmes Schick­sal“, sagte ich, als Klaus zurück­kam und die Durch­flussgeschwindigkeit erneut erhöhte – dies­mal auf 80. Staunend lächelte er mir zu: „Läuft sehr gut für das erste Mal.“

Ich über­legte, was sich für mich anders anfühlte. Mein Nebel im Kopf war klar­er. Ich hörte dem Gespräch der Nach­barn auf der anderen Seite zu und ver­stand jedes Wort – obwohl die Briten Englisch sprachen.

Wow. Toll, ich bin kog­ni­tiv wieder fit­ter. Geht das wirk­lich so schnell, oder ist das der Place­boef­fekt?

Der anfangs weiße Plas­mafil­ter füllte sich schon zur Hälfte mit gelbem Plas­ma. Ich war wach­er, irgend­wie leichter. Nein – beflügelt. Ein schön­er Song lief im Radio. Ich wack­elte mit allem, was wack­eln durfte und kon­nte.

Beflügelt oder Placebo?

Fröh­lich, dankbar und voller Hoff­nung zugle­ich spürte ich: Es wird mir gut­tun. Schwest­er Daniela kam und fragte, ob jemand etwas trinken möchte. Sie brachte Gläs­er mit stillem Wass­er, wahlweise Apfelschor­le, inklu­sive Stro­hhal­men, und hielt sie uns vor den Mund.

„Was für ein Ser­vice“, dachte ich.

Zwei Liter meines Blutes waren bere­its gefiltert, nur noch ein­er vor mir – ein Ende in Sicht. Neben mir erzählten die Frauen ihre Geschicht­en. Ich kon­nte denen, die von schnellen Verbesserun­gen sprachen, kaum glauben. Ange­blich ging es ihnen nach nur ein­er Wäsche so viel bess­er. Das würde ich erst glauben, wenn ich es selb­st erlebte. Klaus erzählte uns eben­falls seine Geschichte: Auch er hat­te Long-Covid, hat­te sich während ein­er Chemother­a­pie infiziert, noch bevor er erfol­gre­ich den Darmkrebs bekämpfte. Mit offen­em Mund star­rte ich ihn an. Er bekam drei Blutwäschen und arbeit­et heute wieder Vol­lzeit. Endlich, sagte er, bekomme er wieder nor­mal Luft. Er war dankbar, hier arbeit­en zu dür­fen. Während er einen großen Wagen mit vie­len Paketen here­in­rollte, befre­ite Daniela eine Pati­entin von der Mas­chine. Die Dame stand auf: „Zum Glück geschafft! Ich sitze hier seit heute Mor­gen 8 Uhr.“ Ich sah auf die Uhr. Die arme Frau — es war 14:30 Uhr.

„Frau Jäger hat an der Entwick­lung der Lipid-Help-Apherese maßge­blich mit­gewirkt“, berichtete Daniela mein­er Nach­barin. Erstaunt lauschte ich dem Gespräch. Unfass­bar viel Müll fiel bei ein­er solchen Behand­lung an – kein Wun­der, dass sie so teuer ist. Diese Spezial­fil­ter kann man lei­der nur ein­mal benutzen.

Meine Beine fühlten sich leicht an. Ich hätte gern getanzt. Noch zwölf Minuten auf der Uhr. Klaus kam aus dem Flur direkt auf mich zu: „Gle­ich ist die Mas­chine fer­tig. Dann muss nur noch das Plas­ma wieder zurück­laufen.“ In dem Moment trat mein Mann ins Zim­mer, und ich war froh, dass er die tech­nis­chen Erläuterun­gen mithörte. Es piepte – ein ander­er Ton. Klaus drück­te einige Tas­ten und prüfte meine Zugänge. „Geschafft. Jet­zt läuft nur noch das gefilterte Plas­ma zurück. Nicht mehr lang, und ihr kön­nt gehen.“ Lächel­nd ging er zur näch­sten Pati­entin. Eupho­risch erzählte ich Tobi, wie gut ich mich fühlte, und dass ich spazieren gehen wollte.

„Mach bitte langsam und über­fordere dich nicht“, sagte er, während langsam das Plas­ma zurück­floss. Ich hat­te das Gefühl, der Nebel kehrte zurück. Die Trägheit sick­erte Stück für Stück wieder in mich hinein. Ich war trau­rig, ließ mir das aber nicht anmerken: „Okay, später. Lass uns ein­fach zurück ins Quarti­er gehen.“

Es war von kurz­er Dauer gewe­sen – diese Schmer­zlosigkeit, dieses freie, schwebende Gefühl. Klaus zog die Zugänge her­aus, drück­te Tupfer auf die großen Ein­stich­stellen und fix­ierte sie zunächst mit Stauschläuchen, dann mit dick­en Binden.

Apherese-Touristen und die erste Nacht danach

Wir ver­ließen die Prax­is zu Fuß. Es war warm draußen, ich zog meine Jacke aus. An bei­den Arm­beu­gen dicke weiße Ver­bände. Tobi sah, wie ich an meinen Armen hin­un­ter­schaute, und scherzte: „Sieh mal – über­all Apherese-Touris­ten.“ Ich lächelte über seine Auf­munterung, während mir eine Träne über die Wange herunter kullerte. Erle­ichterung? Ernüchterung? Oder Hoff­nung?

Am späten Nach­mit­tag kehrten wir in unser­er Unterkun­ft, namens: „Töfte Bude“, zurück – sehr zu empfehlen, wenn man mal in Mül­heim an der Ruhr ist. Wir waren dann doch noch etwas spazieren, einkaufen, einen kof­fe­in­freien Kaf­fee trinken. Ich war ges­pan­nt: Hat­ten sich die 1.400 €, die drei Tage unter­wegs sein und all die Umstände gelohnt? Würde die Verbesserung noch kom­men? Müde sank ich aufs Sofa. Tobi kochte mir einen Tee und bere­it­ete das Aben­dessen zu. Ich hat­te so Lust auf Nudeln (natür­lich — wie immer — gluten­frei).

Dann, beim Fernse­hen, ging es mir plöt­zlich nicht gut. Eine Art Anfall, eine Aura machte sich bre­it – diese Momente kan­nte ich lei­der viel zu gut. Ein plöt­zlich­er Abfall des linken Gehörs, ein kurzes Rauschen, ein dumpfes Gefühl im Kopf, keine richtige Wahrnehmung, eine schwere Müdigkeit. Ich gäh­nte so tief, dass ich auf­s­tand und ins Bett ging. Fast komatös fiel ich um.

Und dann schlief ich. Direkt. Abso­lut ungewöhn­lich für mich – son­st döse ich bei solchen Anfällen nur vor mich hin und ertrage den Zus­tand. Doch heute nicht. Tief und fest. Nach 90 Minuten wachte ich auf, ging ins Bad und musste ungewöhn­lich viel Wass­er lassen. Ich fühlte mich wie gerädert – aber eben gar nicht so schlimm wie son­st, nach so einem Anfall, die ich in den let­zten 13 Jahren ständig ertar­gen musste. Wir aßen Abend­brot und gin­gen um 21:30 Uhr ins Bett, deut­lich später als son­st. Die Nacht war unruhig: erst ein stark­er Hus­te­nan­fall, danach das Gefühl, bess­er atmen zu kön­nen, dann alle zwei Stun­den wach, zulet­zt um 5:30 Uhr. Ständig musste ich zur Toi­lette. Gefühlt ließ ich zwei Liter Wass­er in dieser Nacht. Die Waage bestätigte das am näch­sten Mor­gen auch.

Ich spürte, wie die Wasserein­lagerun­gen ver­schwan­den, das Lymph­sys­tem sich entspan­nte und meine Haut so weich war wie nie.

Es war meine erste HELP-Apherese. Und es war nicht die let­zte.

Mein Zwei-Jahres Geschenk

Ich schreibe diesen Artikel, weil ich damals so vieles nicht wusste – und weil ich mir wün­schte, jemand vor mir hätte ihn geschrieben. Aphere­sen sind nicht für jeden das Richtige, und was ich hier schildere, ist kein Heilsver­sprechen und soll keine falsche Hoff­nung weck­en. Aber ich war nach den ersten fünf HELP-Aphere­sen Ende 2022 für knapp zwei Jahre in ein­er Art Teil­re­mis­sion: keine PEM mehr, kein POTS mehr, keine krassen Symp­tome nach einem anstren­gen­den Töpfer­mark­t­woch­enende.

Lei­der blieb mir dieses Geschenk nur knapp zwei Jahre vergön­nt. Danach kam eine Gürtel­rose im Gesicht (Her­pes Zoster), eine erneute Covid-Infek­tion und schließlich – im Som­mer 2024 – ein resisten­ter Kranken­hauskeim (Staphy­lo­coc­cus aureus).

Und dann ein neuer — alt ver­trauter — schw­er­er Schub.

Ein Crash mit Bet­tlägerigkeit.

Monate im Dunkeln.

Bell 10.

Weitere Infos zu Blutwäschen bei ME & PostCOVID, wie z. B. HELP-Apheresen und Immunadsorption

Am 21. Feb­ru­ar 2026 lud ich, in mein­er Funk­tion als Sprecherin der thürin­gen­weit­en Selb­sthil­fe­gruppe für ME, Dr. Robin Satanovskij (Nephrologe und Internist) zu einem Fachvor­trag über Blutwäschen bei ME ein.

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