FAQ zum Vortrag Blutwäscheverfahren bei ME und Post-COVID

Antworten auf die meist­gestell­ten Fra­gen
Vor­trag von Dr. Satanovskij “Blutwäschev­er­fahren bei
Myal­gis­ch­er Enzephalomyelitis (ME) und Post-COVID-Syn­drom (PCS)”

Diese häu­fig gestell­ten Fra­gen entstam­men einem Online-Fachvor­trag, den die thürin­gen­weite Selb­sthil­fe­gruppe für ME mit Dr. Robin Satanovskij als Gas­tred­ner ver­anstal­tet hat. Dr. Satanovskij ist Facharzt für Innere Medi­zin und Nephrolo­gie und leit­et seit Jan­u­ar 2023 die Apherese-Abteilung im Bayreuther Dial­y­sezen­trum, wo er ME- und Post-COVID-Patien­ten mit­tels HELP-Apherese und Immu­nad­sorp­tion behan­delt.

Den Vor­trag kön­nt ihr auf YouTube unter fol­gen­dem Link nach­schauen:

Zwei ver­tiefende Gespräche mit Dr. Satanovskij sind außer­dem im Pod­cast „Teep­ause | Unser Leben mit ME” ver­füg­bar unter: www.teemitmolly.de/podcast-teepause

Und hier kannst du Mollys Erfahrungs­bericht zum ersten HELP-Zyk­lus lesen.

Inhaltsverzeichnis

Disclaimer

Dieses FAQ wurde auf Grund­lage eines Fachvor­trags sowie ein­er anschließen­den Fragerunde — bei der Dr. Robin Satanovskij und über 250 Betrof­fene teilgenom­men haben — erstellt. Diese meist gestell­ten Fra­gen geben die Aus­sagen vom Vor­trag sowie der Fragerunde inhaltlich wieder.

Dieses Doku­ment dient auss­chließlich der all­ge­meinen Infor­ma­tion und erset­zt keine indi­vidu­elle ärztliche Beratung. Medi­zinis­che Entschei­dun­gen soll­ten immer gemein­sam mit einem qual­i­fizierten Arzt getrof­fen wer­den, der die per­sön­liche Krankengeschichte ken­nt.

Die hier enthal­te­nen Infor­ma­tio­nen entsprechen dem medi­zinis­chen und wis­senschaftlichen Ken­nt­nis­stand zum Zeit­punkt des Vor­trags im Feb­ru­ar 2026. Da die Forschung zu Myal­gis­ch­er Enzephalomyelitis und Post-COVID-Syn­drom sich dynamisch weit­er­en­twick­elt, kön­nen einzelne Aus­sagen durch neue Stu­di­energeb­nisse über­holt wer­den. Trotz großer Sorgfalt und mehrfach­er Prü­fung kön­nen inhaltliche Fehler nicht voll­ständig aus­geschlossen wer­den. Für medi­zinis­che Fach­be­griffe wur­den im FAQ erk­lärende Hin­weise ergänzt, diese erheben jedoch keinen Anspruch auf Voll­ständigkeit.

Allgemeine Fragen

Welche Krankheitsmechanismen werden bei ME und Post-COVID diskutiert?

Bei­de Erkrankun­gen gel­ten als kom­plexe Mul­ti­sys­te­merkrankun­gen, die häu­fig nach viralen Infek­tio­nen auftreten. Das Kern­symp­tom von Myal­gis­ch­er Enzephalomyelitis (ME) ist die Post-Exer­tionelle Neu­roim­mune Entkräf­tung (PENE) auch bekan­nt als Post-Exer­tionelle Malaise (PEM). PENE ist eine oft zeitverzögert auftre­tende neu­roim­mu­nol­o­gis­che Zus­tandsver­schlechterung nach Belas­tung.

In der Forschung wer­den mehrere Mech­a­nis­men disku­tiert, die sich gegen­seit­ig bee­in­flussen kön­nen: 

  • Eine anhal­tende Fehlreg­u­la­tion des Immun­sys­tems mit Bil­dung von Autoan­tikör­pern (z. B. gegen β‑adrenerge Rezep­toren, GPCR-Antikör­p­er): Diese greifen kör­pereigene Struk­turen an und kön­nen die Reg­u­la­tion des autonomen Ner­ven­sys­tems, der Blut­ge­fäße und des Herzens stören.
  • Eine gestörte Funk­tion der Mito­chon­drien, also der Energiepro­duzen­ten in den Zellen, was die aus­geprägte Energielosigkeit erk­lären kann.
  • Durch­blu­tungsstörun­gen in den kle­in­sten Gefäßen (sog. Kap­il­laren) sowie eine Entzün­dung im Gehirn, die kog­ni­tive Beein­träch­ti­gun­gen wie Brain Fog mit verur­sachen kann.
  • Virus­per­sis­tenz / Spike­pro­teine: Bei manchen Patien­ten kön­nten per­sistierende Virus­be­standteile (z. B. Spike­pro­teine) oder reak­tivierte Viren (EBV, CMV) Entzün­dung­sprozesse aufrechter­hal­ten.
  • Dys­reg­u­la­tion des autonomen Ner­ven­sys­tems: Das Gle­ichgewicht zwis­chen Aktivierung und Beruhi­gung (wie Gas und Bremse) ist gestört — sog. Funk­tions- und Reg­u­la­tion­sstörun­gen.

Welch­er Mech­a­nis­mus bei ein­er Per­son dominiert, ist indi­vidu­ell ver­schieden und kann Ein­fluss darauf haben, welch­es Behand­lungsver­fahren am sin­nvoll­sten erscheint. Alle Mech­a­nis­men haben gemein­sam, dass das Blut als zen­traler Ort der Fehlreg­u­la­tion gilt.

ℹ️  Welch­er Mech­a­nis­mus im Vorder­grund ste­ht, bee­in­flusst, welch­es Ver­fahren am sin­nvoll­sten sein kann.

Welche Voruntersuchungen sind vor einer Apherese empfohlen bzw. sinnvoll?

Emp­fohlen wer­den fol­gende Unter­suchun­gen:

  • Symp­tome durch Fachärzte abklären (z. B. Kar­di­olo­gie bei Herzrasen/Brustschmerz, Neu­rolo­gie bei neu­rol­o­gis­chen Symp­tomen usw.)
  • Basis­la­bor: Niere, Leber, Herz, Elek­trolyte, Blut­bild, Gerin­nung
  • Gerin­nungspa­ra­me­ter (Fib­rino­gen u. a.)
  • Klas­sis­che Autoan­tikör­p­er (ANA, ANCA usw.) zum Auss­chluss bes­timmter Autoim­munerkrankun­gen

Sin­nvoll kön­nen fol­gende ergänzende Unter­suchun­gen sein:

  • GPCR-Autoan­tikör­p­er (z. B. β‑adrenerge Rezep­tor-Auto-AK) – Immu­nad­sorp­tion kann eine Behand­lung­sop­tion sein
  • Bei Ver­dacht auf Virus­per­sis­tenz: IgG, IgM, PCR, z. B. auf EBV, CMV, Covid

ℹ️  Sehr umfan­gre­iche Zytok­in­pro­file sind wis­senschaftlich inter­es­sant, haben aber meist keine direk­te ther­a­peutis­che Kon­se­quenz und sind teuer. Ob sie nötig sind, sollte indi­vidu­ell besprochen wer­den.

Warum zeigen Standard-Blutuntersuchungen bei ME und PCS oft keine Auffälligkeiten, obwohl die Symptome deutlich spürbar sind?

Stan­dard-Labor­w­erte messen in erster Lin­ie struk­turelle Schä­den an Orga­nen, also etwa ob Niere, Leber oder das Herz beschädigt sind. Bei ME und Post-COVID sind die Organe selb­st meist intakt. Das Prob­lem liegt nicht in ein­er Gewebeschädi­gung, son­dern in ein­er gestörten Steuerung und Reg­u­la­tion des Kör­pers. Diese Funk­tion­sstörun­gen lassen sich mit herkömm­lichen Bluttests kaum erfassen, weil es dafür noch keine etablierten Rou­tine­mark­er gibt. Das bedeutet: Unauf­fäl­lige Blutwerte schließen eine Erkrankung nicht aus.

Welche Laborwerte sind dennoch sinnvoll und helfen einzuordnen, ob HELP-Apherese oder Immunadsorption in Frage kommen könnten?

Zunächst soll­ten die grundle­gen­den Labor­w­erte vor­liegen und möglichst unauf­fäl­lig sein: Nieren‑, Leber- und Herzw­erte sowie Elek­trolyte. Da ME eine Auss­chluss­di­ag­nose ist, soll­ten außer­dem klas­sis­che Autoim­munerkrankun­gen z. B. durch Mes­sung entsprechen­der Autoan­tikör­p­er und Kom­ple­ment­fak­toren aus­geschlossen wer­den.

GPCR-Autoan­tikör­p­er sind rel­e­vant um zu entschei­den, bb die Immu­nad­sorp­tion eine Behand­lung­sop­tion sein kann. Sie wer­den in spezial­isierten Laboren (wie z.B. E.R.D.E. , Cell-Trend, IMD-Berlin), gemessen und geben Hin­weise darauf, ob ein autoim­munes Geschehen im Vorder­grund ste­ht, was eher für eine Immu­nad­sorp­tion sprechen würde. Erhöhte GPCR-Autoan­tikör­p­er sind jedoch keine zwin­gende Voraus­set­zung, und ein einzel­ner erhöhter Wert allein begrün­det noch keine Ther­a­pieentschei­dung. Die Kosten für diese Mes­sung wer­den direkt vom Labor in Rech­nung gestellt und von den Krankenkassen in der Regel nicht erstat­tet.

Vor ein­er Immu­nad­sorp­tion sollte im besten Falle außer­dem geprüft wer­den, ob eine aktive Virus-Reak­tivierung vor­liegt. Erhöhte IgG-Werte bele­gen lediglich einen früheren Kon­takt mit einem Virus. Erst erhöhte IgM-Werte oder ein direk­ter PCR-Nach­weis weisen auf eine aktive Reak­tivierung hin, die vor ein­er Immu­nad­sorp­tion bekan­nt sein sollte.

Aufwändi­ge und teure Zusatzmes­sun­gen wie Zytok­in­pro­filen sind meist nicht notwendig. Im wis­senschaftlichen Set­ting wer­den in den laufend­en Stu­di­en zwar Immunpro­file mit­gemessen, um zu beobacht­en, ob und wie sie sich durch die Behand­lung verän­dern. Das ist jedoch primär wis­senschaftlich­er Natur und hat für den einzel­nen Patien­ten meist keine ther­a­peutis­che Kon­se­quenz. Zytok­in­werte schwanken auch bei gesun­den Men­schen im Tagesver­lauf und kön­nen vorüberge­hend erhöht sein, ohne dass das eine Aus­sagekraft für die indi­vidu­elle Sit­u­a­tion hätte. Wer ein begren­ztes Bud­get hat, sollte dieses Geld daher lieber nicht für solche Mes­sun­gen aus­geben.

Die Entschei­dung für ein Ver­fahren ergibt sich let­ztlich nicht aus einzel­nen Labor­w­erten allein, son­dern aus dem Gesamt­bild: u. a. welche Symp­tome über­wiegen, wie lange und wie schw­er die Erkrankung beste­ht und was die Labor­w­erte im Kon­text ergeben.

Welche Erkrankungen oder Zustände sprechen gegen eine Apherese (Kontraindikationen)?

Absolute Kon­traindika­tio­nen für HELP-Apherese sind:

  • frische Blu­tun­gen (Magen, Gehirn),
  • kür­zliche Oper­a­tio­nen,
  • aktive Hirn­blu­tung oder Hirn­tu­mor.

Rel­a­tive Fak­toren, die indi­vidu­ell besprochen wer­den müsse, sind:

  • aktive Virus-Reak­tivierung (dann ist Immu­nad­sorp­tion nicht Mit­tel der Wahl),
  • aus­geprägte Gerin­nung­shem­mung (mehrere Mit­tel kom­biniert),
  • sehr niedriges Kör­pergewicht (Einzelfal­l­entschei­dung),
  • Begleit­erkrankun­gen wie z. B. Ehlers-Dan­los-Syn­drom (Aphere­sen kön­nen oft trotz­dem durchge­führt wer­den – aber immer indi­vidu­ell mit dem Arzt/Ärztin absprechen).

Welche Nebenwirkungen können auftreten?

Mögliche Neben­wirkun­gen sind u. a. ein vorüberge­hen­der Blut­druck­ab­fall oder Schwindel während der Behand­lung, der durch Vol­u­mengabe (Infu­sion­slö­sun­gen) meist ver­hin­dert oder schnell behan­delt wer­den kann.

Elek­trolytver­schiebun­gen, ins­beson­dere ein Abfall des Kalz­i­ums während ein­er Immu­nad­sorp­tion, kön­nen auftreten und wer­den durch regelmäßige Blut­gas­analy­sen vor, während und nach der Behand­lung überwacht.

Müdigkeit nach der Behand­lung ist möglich. Sel­ten kön­nen aller­gis­che Reak­tio­nen auf das Fil­ter­sys­tem auftreten.

Blaue Fleck­en an den Ein­stich­stellen sind möglich.

Eine Ver­schlechterung des Zus­tands durch einen Crash ist nicht voll­ständig auszuschließen, tritt aber sel­ten auf.

Eine Aufk­lärung über mögliche Neben­wirkun­gen muss immer durch den Arzt durchge­führt wer­den und ist für jeden Patien­ten indi­vidu­ell notwendig.

Ab welchem Bell-Score kann ich eine Blutwäsche-Therapie beginnen?

Der Bell-Score (Maß für den Schw­ere­grad bei ME) ist ein Puz­zleteil, aber keine alleinige Entschei­dungs­grund­lage. Auch sehr schw­er betrof­fene Patien­ten (Bet­tlägerige) kön­nen behan­delt wer­den. Schon ein Anstieg von 10–20 Punk­ten im Bell-Score kann eine erhe­bliche Verbesserung der indi­vidu­ellen Leben­squal­ität bedeuten. Es gibt keine feste Unter­gren­ze, ab der keine Ther­a­pie mehr sin­nvoll wäre.

Post-Vac-Syndrom: Spielt es eine Rolle, ob ME durch Covid-Infektion oder Impfung (Post-Vac) ausgelöst wurde?

In der klin­is­chen Prax­is wird meist kein Unter­schied zwis­chen Post-Covid und Post-Vac gemacht. Die Symp­tome bei Post-Vac kön­nen sog­ar schw­er­wiegen­der sein. Bei­de Grup­pen wer­den nach den gle­ichen Kri­te­rien behan­delt. Ein indi­vidu­elles Gespräch ist immer notwendig.

Werden auch Kinder und Jugendliche behandelt?

Ja, das Bayreuther Apherese-Zen­trum behan­delt auch Kinder und Jugendliche, immer nach sorgfältiger Einzelfal­labklärung und aus­führlich­er Aufk­lärung. Die Maschi­nen selb­st wer­den seit Jahren bei anderen Indika­tio­nen auch bei Kindern und Jugendlichen einge­set­zt.

Eine Her­aus­forderung bei sehr kleinen Kindern sind die Gefäßzugänge, da die Venen schmaler sind. Inter­essierte Fam­i­lien soll­ten das Gespräch suchen und dür­fen nicht erwarten, dass ein Kind automa­tisch sofort behan­delt wird, son­dern dass zunächst eine indi­vidu­elle Beurteilung stat­tfind­et.

Kann eine Apherese auch ohne nachweisbare Autoantikörper oder Spikeproteine sinnvoll sein?

In bes­timmten Fällen kann eine Apherese auch dann erwogen wer­den, wenn keine spez­i­fis­chen Autoan­tikör­p­er oder viralen Anti­gene (z. B. Spike­pro­teine) nachgewiesen wur­den.

Die HELP-Apherese wirkt primär über eine Verbesserung der Fließeigen­schaften des Blutes. Dabei wer­den unter anderem Fib­rino­gen, LDL-Cho­les­terin, Lipoprotein(a) sowie ver­schiedene entzün­dungsas­sozi­ierte Medi­a­toren reduziert. Dadurch kön­nen sich die Mikrozirku­la­tion sowie die endothe­liale Funk­tion verbessern. Bei Pati­entin­nen und Patien­ten, bei denen klin­isch Hin­weise auf eine Störung der Mikrozirku­la­tion oder der Gefäßreg­u­la­tion beste­hen und andere Ursachen aus­re­ichend abgek­lärt wur­den, kann dieses Ver­fahren somit ther­a­peutisch erwogen wer­den.

Die Immu­nad­sorp­tion zielt hinge­gen auf die Ent­fer­nung von Immun­glob­u­li­nen und poten­ziell krankheit­srel­e­van­ten Autoan­tikör­pern ab. Daher wird sie in der Regel bevorzugt einge­set­zt, wenn entsprechende Autoan­tikör­p­er nach­weis­bar sind oder ein immu­nol­o­gisch ver­mit­tel­ter Mech­a­nis­mus wahrschein­lich erscheint. In Einzelfällen kann sie jedoch auch bei funk­tionellen Autoan­tikör­pern – beispiel­sweise gegen G‑Pro­tein-gekop­pelte Rezep­toren (GPCR) – disku­tiert wer­den, selb­st wenn nicht alle klas­sis­chen Mark­er (z. B. β‑adrenerge Rezep­toran­tikör­p­er) erhöht sind.

Die Entschei­dung für eine Apherese erfol­gt stets auf indi­vidu­eller ärztlich­er Basis unter Berück­sich­ti­gung der Beschw­er­den, der vor­liegen­den Befunde sowie ein­er sorgfälti­gen Nutzen-Risiko-Abwä­gung. Ein Ther­a­pieer­folg kann nicht garantiert wer­den.

Können GPCR-Autoantikörper auch ohne Apherese aus dem Körper entfernt werden?

Es gibt bish­er keine etablierte nicht-inva­sive Meth­ode, GPCR-Autoan­tikör­p­er gezielt aus dem Blut zu ent­fer­nen. In der Forschung wer­den soge­nan­nte B‑Zell-depletierende oder Plas­mazell-depletierende Ther­a­pi­en disku­tiert, also Medika­mente wie Rit­ux­imab oder Dara­tu­mum­ab, die ver­hin­dern sollen, dass neue Antikör­p­er pro­duziert wer­den. Diese Medika­mente sind für andere Erkrankun­gen zuge­lassen, haben jedoch ein deut­lich höheres Neben­wirkung­spro­fil, da sie das Immun­sys­tem unter­drück­en (Immun­sup­pres­sion) und die Anfäl­ligkeit für auch schwere Infek­tio­nen erhöhen kön­nen. Ihr Ein­satz bei ME ist derzeit nicht stan­dard­mäßig emp­fohlen und wird bish­er nur im Forschungskon­text disku­tiert.

Macht eine Apherese auch dann Sinn, wenn der genaue Auslöser von ME nicht bekannt ist?

Ja, der genaue Aus­lös­er muss nicht zwin­gend bekan­nt sein. Entschei­dend ist das indi­vidu­elle Beschw­erde­bild: Welche Symp­tome ste­hen im Vorder­grund? Gibt es Hin­weise auf Mikrozirku­la­tion­sstörun­gen oder erhöhte Autoan­tikör­p­er? Die Entschei­dung für ein Ver­fahren basiert auf einem Gesamt­bild aus Symp­tomen, Labor­w­erten und Krankheitsver­lauf, nicht allein auf der Ursache. Es ist wie ein Puz­zle was zusam­menge­set­zt wer­den muss.


Die Verfahren im Überblick

Was ist der Unterschied zwischen Dialyse und Apherese?

Diese bei­den Begriffe wer­den häu­fig ver­wech­selt, beze­ich­nen aber grundle­gend ver­schiedene Ver­fahren. Die Dial­yse erset­zt die Nieren­funk­tion und ent­fer­nt kleine, wasser­lös­liche Stof­fwech­sel­pro­duk­te aus dem Blut. Sie wird bei Nieren­ver­sagen einge­set­zt. Die Apherese hinge­gen fil­tert gezielt bes­timmte Blutbe­standteile her­aus, zum Beispiel bes­timmte Antikör­p­er oder Gerin­nungsstoffe. Sie wird bei ganz anderen Indika­tio­nen einge­set­zt, etwa bei neu­rol­o­gis­chen Erkrankun­gen oder Fettstof­fwech­sel­störun­gen und ist ein eigen­ständi­ges, seit Jahrzehn­ten etabliertes medi­zinis­ches Ver­fahren.

Wie läuft eine Apherese technisch ab?

Es wer­den zwei Gefäßzugänge benötigt, in der Regel zwei Venen­punk­tio­nen an bei­den Armen mit speziellen Aphere­ses­nadeln, die etwas dick­er sind als nor­male Blutab­nah­me­nadeln, aber von den meis­ten Patien­ten nicht als deut­lich schmerzhafter emp­fun­den wer­den. Über einen Zugang wird Blut aus dem Kör­p­er geleit­et, durch ein Fil­ter­sys­tem geführt, dort von bes­timmten Bestandteilen befre­it und über den zweit­en Zugang gere­inigt zurück­gegeben. Wenn die Venen an den Armen nicht aus­re­ichen, ist in sel­te­nen Fällen auch ein Zugang am Bein möglich.

Eine HELP-Apherese dauert meist rund 2–3 Stun­den. Eine Immu­nad­sorp­tion meist zwis­chen 3–5 Stun­den. Es kann in Einzelfällen auch länger dauern.  

Wer darf in Deutschland Apheresen durchführen?

Aphere­sev­er­fahren sind spezial­isierte extrako­r­po­rale Blut­be­hand­lungsver­fahren, die eine entsprechende medi­zinis­che Qual­i­fika­tion sowie tech­nis­che und per­son­elle Infra­struk­tur erfordern.

Im Rah­men der geset­zlichen Kranken­ver­sicherung (GKV) sind Aphere­sev­er­fahren über­wiegend in Ein­rich­tun­gen etabliert, die auf Dial­yse- und Blutreini­gungsver­fahren spezial­isiert sind. In der Prax­is wer­den diese Behand­lun­gen daher primär von Fachärztin­nen und Fachärzten für Nephrolo­gie durchge­führt oder ver­ant­wortet. Der Hin­ter­grund ist, dass extrako­r­po­rale Blutreini­gungsver­fahren – wie Dial­yse und Apherese – ein zen­traler Bestandteil der nephrol­o­gis­chen Weit­er­bil­dung sind und Nephrologin­nen und Nephrolo­gen im klin­is­chen All­t­ag täglich mit diesen Ver­fahren arbeit­en.

In einzel­nen Fällen beste­hen auch his­torisch gewach­sene Zulas­sun­gen oder Koop­er­a­tio­nen mit anderen Facharzt­grup­pen, ins­beson­dere im internistis­chen Bere­ich, z. B. in der Trans­fu­sion­s­medi­zin oder Häma­toonkolo­gie.

Bei pri­vatärztlich­er Behand­lung kön­nen Aphere­sev­er­fahren grund­sät­zlich auch von anderen Ärztin­nen und Ärzten ange­boten wer­den. Dies ist jedoch nicht immer sin­nvoll.

Es ist entschei­dend, dass die Behand­lung in ein­er Ein­rich­tung erfol­gt, die über

  • aus­re­ichende Erfahrung mit extrako­r­po­ralen Blut­be­hand­lungsver­fahren,
  • entsprechend geschultes Per­son­al,
  • geeignete tech­nis­che Ausstat­tung,
  • sowie etablierte Sicher­heits- und Überwachungs­stan­dards ver­fügt.

Pati­entin­nen und Patien­ten soll­ten sich daher im Vor­feld aus­führlich informieren, welche Erfahrung die behan­del­nde Ein­rich­tung mit Aphere­sev­er­fahren hat und unter welchen struk­turellen Bedin­gun­gen die Ther­a­pie durchge­führt wird.

Woran erkenne ich einen seriösen Anbieter?

Ein ser­iös­er Anbi­eter benen­nt die behan­del­nden Ärztin­nen und Ärzte mit ihrer Facharz­taus­bil­dung und Spezial­isierung. Die einge­set­zten Maschi­nen und Fil­ter sind namentlich bekan­nt und wer­den auf Nach­fra­gen ohne Aus­flüchte benan­nt. Sie sind von zuge­lasse­nen Her­stellern, sodass eigen­ständi­ge Recherche möglich ist. Während der Behand­lung ist stets ein Arzt oder eine Ärztin im Zen­trum anwe­send. Es gibt eine kon­tinuier­liche Kreis­lauf- und Laborüberwachung während der Behand­lung, ein­schließlich Blut­gas­analy­sen. Not­fal­laus­rüs­tung und entsprechende Medika­mente sind vorhan­den.

Vor­sicht ist geboten, wenn ein Anbi­eter mit sehr all­ge­meinen Ver­sprechen wie „Ent­gif­tung”, „Stärkung des Immun­sys­tems” oder gar Heilung von Kreb­serkrankun­gen wirbt, ohne wis­senschaftliche Belege zu nen­nen. Solche Aus­sagen dis­qual­i­fizieren einen Anbi­eter.

Woran erkenne ich, welches Blutwäscheverfahren für mich am besten geeignet ist?

Diese Frage lässt sich nicht pauschal beant­worten – die Auswahl des geeigneten Ver­fahrens ist immer ein indi­vidu­eller Prozess. Der behan­del­nde Arzt muss ver­schiedene Puz­zleteile zusam­menset­zen: den Schw­ere­grad der Erkrankung (z. B. Bell-Score), die Art und Aus­prä­gung der Symp­tome, labor­chemis­che Befunde (z. B. Autoan­tikör­p­er), die Erkrankungs­dauer sowie den ver­muteten Krankheitsmech­a­nis­mus. Den­noch gibt es klare inhaltliche Unter­schiede zwis­chen den Ver­fahren, die als Ori­en­tierung dienen kön­nen.

Was macht die HELP-Apherese und wofür ist sie geeignet?

Die HELP-Apherese (Heparin-induzierte extrako­r­po­rale LDL-Präzip­i­ta­tion) ist primär eine Lip­i­da­pherese. Sie ent­fer­nt u. a. Fib­rino­gen, LDL-Cho­les­terin und andere Bestandteile, die die Fließeigen­schaften des Blutes ver­schlechtern. Dadurch kön­nen sog. Mikrothromben aufgelöst und die Sauer­stof­fver­sorgung von Muskeln, Orga­nen und Gehirn verbessert wer­den, indem die Mikrozirku­la­tion verbessert wird. Auch Gefäßs­pas­men kön­nen sich deut­lich bessern. Bes­timmte Virus­pro­teinbe­standteile kön­nen the­o­retisch eben­falls mit ent­fer­nt wer­den, allerd­ings ist dies nicht ihr primäres Ziel. Die HELP-Apherese ist scho­nen­der als die Immu­nad­sorp­tion und greift nicht direkt in das Immun­sys­tem ein (keine Immun­mod­u­la­tion).

Wann ist die HELP — Apherese besonders geeignet?

Die H.E.L.P.-Apherese (HELP) eignet sich beson­ders dann, wenn Hin­weise auf eine gestörte Mikrozirku­la­tion oder Durch­blu­tungsstörun­gen vor­liegen. Typ­is­che Zeichen hier­für sind: dauer­haft kalte Hände und Füße, mar­mori­erte oder livide (lila) ver­färbte Extrem­itäten, Belas­tungsin­tol­er­anz, muskuläre Erschöp­fung und Schmerzen sowie Brain Fog. Auch bei Gefäßs­pas­men (Krämpfen der Blut­ge­fäße) kann die HELP-Apherese sehr wirk­sam sein, da sie die Gefäße erweit­ert.

Was macht die Immunadsorption?

Bei der Immu­nad­sorp­tion (IA) wird Blut über ein spezielles Fil­ter­sys­tem geleit­et, das gezielt Immun­glob­u­line (Antikör­p­er) aus dem Blut­plas­ma ent­fer­nt – ohne andere Blutbe­standteile wie Gerin­nungs­fak­toren wesentlich zu bee­in­flussen. Ziel ist die Ent­fer­nung fehlreg­uliert­er Autoan­tikör­p­er, ins­beson­dere der soge­nan­nten GPCR-Antikör­p­er (z. B. gegen Beta-1‑, Beta-2- und M3/M4-Rezep­toren), die Herzfre­quenz, Gefäß­tonus, Mikrozirku­la­tion und Bronchien bee­in­flussen kön­nen. Das Ver­fahren ist in Deutsch­land, Öster­re­ich und der Schweiz seit vie­len Jahren etabliert. Die Immu­nad­sorp­tion wird vor allem bei Erkrankun­gen einge­set­zt, bei denen krankheit­srel­e­vante Autoan­tikör­p­er eine wichtige Rolle spie­len. Dazu zählen beispiel­sweise Myas­the­nia gravis, das Guil­lain-Bar­ré-Syn­drom oder antikör­per­ver­mit­telte Abstoßungsreak­tio­nen nach Organtrans­plan­ta­tio­nen. In bes­timmten Sit­u­a­tio­nen kann sie auch bei anderen immunver­mit­tel­ten Erkrankun­gen, etwa bei schw­eren Schüben der Mul­ti­plen Sklerose, als zusät­zliche Ther­a­pieop­tion erwogen wer­den.

Wann ist die Immunadsorption besonders geeignet?

Wenn erhöhte GPCR-Autoan­tikör­p­er nachgewiesen wur­den, wenn für den indi­vidu­ellen Patien­ten die aktuelle Evi­den­zlage als wichtiges Kri­teri­um gilt, bei schw­er­eren Betrof­fe­nen, die wenig mobil sind (ten­den­ziell mehr Poten­zial für spür­bare Verbesserung), wenn nach dem infek­tiösen Aus­lös­er eine Autoim­munreak­tion im Vorder­grund ste­ht.

Was ist der Unterschied zwischen HELP-Apherese und Immunadsorption?

HELP: Zielt auf Mikrozirku­la­tion, Fib­rino­gen, Lipi­de → bess­er bei Durch­blu­tung­sprob­le­men. Immu­nad­sorp­tion: Zielt auf Autoantikörper/Immunglobuline → bess­er bei nachgewiesen­er Antikör­p­er-Beteili­gung. Bei­de Ver­fahren kön­nen pos­i­tive Effek­te haben; die Wahl hängt von den indi­vidu­ellen Befun­den und Symp­tomen ab. Eine Kom­bi­na­tion (z. B. zunächst HELP, dann IA) kann sin­nvoll sein, muss wie jede Behand­lung aber immer im Vor­feld mit dem Arzt besprochen wer­den.

Was ist mit der Doppelfiltrationsplasmapherese (DFPP)?

Die Dop­pelfil­tra­tionsplasma­pherese (DFPP) ist ein etabliertes Aphere­sev­er­fahren. Dabei wird das Blut zunächst in einem ersten Schritt in Blutzellen und Plas­ma getren­nt. Das Plas­ma wird anschließend über einen zweit­en Fil­ter geleit­et, der größere Moleküle – beispiel­sweise Lipopro­teine und Immun­glob­u­line – abhängig von ihrer Größe teil­weise zurück­hält, bevor das gefilterte Plas­ma wieder mit den Blutzellen zusam­menge­führt wird.

Im Gegen­satz zur Immu­nad­sorp­tion, die gezielt Immun­glob­u­line bzw. Autoan­tikör­p­er bindet, wirkt die DFPP weniger selek­tiv und ent­fer­nt ver­schiedene größere Plas­mabe­standteile gle­ichzeit­ig. Das Ver­fahren wird seit vie­len Jahren vor allem bei bes­timmten Stof­fwech­sel- und Fettstof­fwech­sel­erkrankun­gen einge­set­zt und kann in diesen Indika­tio­nen unter bes­timmten Voraus­set­zun­gen auch von den Krankenkassen erstat­tet wer­den.

Für Fragestel­lun­gen, bei denen gezielt Autoan­tikör­p­er oder bes­timmte Gerin­nungs- bzw. Mikrozirku­la­tions­fak­toren bee­in­flusst wer­den sollen, sind in der Prax­is häu­fig andere Aphere­sev­er­fahren (HELP oder IA) mehr im Ein­satz. 

Was ist eine „Umwelt-Apherese“ und wie unterscheidet sie sich von etablierten Aphereseverfahren?

Der Begriff „Umwelta­pherese“ ist kein klar definiert­er medi­zinis­ch­er Fach­be­griff. Er wird von ver­schiede­nen Anbi­etern als Sam­mel­beze­ich­nung für unter­schiedliche extrako­r­po­rale Blut­be­hand­lungsver­fahren ver­wen­det, die häu­fig mit Begrif­f­en wie „Blutreini­gung“, „Ent­gif­tung“ oder „Detox“ bewor­ben wer­den. 

Zu diesen Ver­fahren zählen unter anderem Sys­teme wie INU­Spherese® oder HHO® (Hämo-Hyper-Oxy­ge­nierungsper­fu­sion). Dabei han­delt es sich um geschützte Marken­na­men für spezielle tech­nis­che Ver­fahren.

Im Gegen­satz dazu ste­hen etablierte ther­a­peutis­che Aphere­sev­er­fahren wie die HELP-Apherese oder die Immu­nad­sorp­tion. Diese Ver­fahren wer­den seit vie­len Jahren in der klin­is­chen Medi­zin einge­set­zt und sind Gegen­stand umfan­gre­ich­er wis­senschaftlich­er Unter­suchun­gen. Für bes­timmte Erkrankun­gen – beispiel­sweise schwere Fettstof­fwech­sel­störun­gen, bes­timmte Autoim­munerkrankun­gen oder antikör­per­ver­mit­telte Trans­plan­tatab­stoßun­gen – sind ihre Wirk­mech­a­nis­men, Sicher­heit­spro­file und ther­a­peutis­chen Effek­te in Stu­di­en unter­sucht wor­den. Entsprechend wer­den sie in medi­zinis­chen Leitlin­ien und Empfehlun­gen von Fachge­sellschaften beschrieben.

Bei Ver­fahren, die unter dem Begriff „Umwelta­pherese“ zusam­menge­fasst wer­den, ist die wis­senschaftliche Daten­lage deut­lich begren­zter. Für viele der bewor­be­nen Indika­tio­nen liegen bis­lang kaum oder gar keine kon­trol­lierten klin­is­chen Stu­di­en vor, die einen ther­a­peutis­chen Nutzen bele­gen. Zudem sind die zugrunde liegen­den Ziel­struk­turen und Wirk­mech­a­nis­men häu­fig weniger klar definiert als bei etablierten Aphere­sev­er­fahren.

Grund­sät­zlich gilt für alle Fil­tra­tionsver­fahren, dass sie nach physikalis­chen Prinzip­i­en arbeit­en und Moleküle vor allem anhand ihrer Größe oder ander­er physikalis­ch­er Eigen­schaften zurück­hal­ten. Sie unter­schei­den dabei nicht gezielt zwis­chen „gün­sti­gen“ und „ungün­sti­gen“ Sub­stanzen. “Ent­gif­tung” oder Ähn­lich­es ist in diesem Zusam­men­hang nicht ser­iös.

Pati­entin­nen und Patien­ten, die eine Aphere­se­be­hand­lung erwä­gen, soll­ten sich daher vor­ab aus­führlich über das konkrete Ver­fahren, den Her­steller bzw. das ver­wen­dete Fil­ter­sys­tem, die vor­liegen­den wis­senschaftlichen Stu­di­en sowie über die medi­zinis­che Erfahrung der behan­del­nden Ein­rich­tung informieren. 


H.E.L.P.-Apherese

Was bedeutet HELP und wie funktioniert das Verfahren?

Die HELP-Apherese ist ein spezielles extrako­r­po­rales Blutreini­gungsver­fahren. Die Abkürzung HELP ste­ht für Heparinin­duzierte extrako­r­po­rale LDL-Präzip­i­ta­tion. Dabei wird das Blut außer­halb des Kör­pers über ein tech­nis­ches Sys­tem geleit­et und zunächst in Blutzellen und Plas­ma (den flüs­si­gen Bestandteil des Blutes) getren­nt.

Das Plas­ma wird anschließend in einem kon­trol­lierten Prozess mit Heparin (einem gerin­nung­shem­menden Medika­ment) ver­set­zt und der pH-Wert vorüberge­hend abge­senkt. Unter diesen Bedin­gun­gen bilden bes­timmte Bestandteile des Plas­mas – ins­beson­dere LDL-Cho­les­terin, Lipoprotein(a), Fib­rino­gen sowie bes­timmte entzün­dungsas­sozi­ierte Pro­teine – unlös­liche Kom­plexe, die anschließend über einen Fil­ter ent­fer­nt wer­den (sicht­bar im Präzip­i­tat­fil­ter).

Nach diesem Reini­gungss­chritt wer­den das Heparin wieder ent­fer­nt, der pH-Wert des Plas­mas nor­mal­isiert und das gere­inigte Plas­ma zusam­men mit den Blutzellen wieder in den Kör­p­er zurück­ge­führt.

Die HELP-Apherese ist ein tech­nisch stan­dar­d­isiertes Ver­fahren, das ursprünglich zur Behand­lung schw­er­er Fettstof­fwech­sel­störun­gen entwick­elt wurde. Der Begriff HELP ist ein geschützter Name des Her­stellers B. Braun und beze­ich­net ein spez­i­fis­ches, paten­tiertes Ver­fahren, das heißt: Wer HELP anbi­etet, muss auch tat­säch­lich dieses spez­i­fis­che Ver­fahren anbi­eten.

Was ist Fibrinogen und warum wird es bei der HELP-Apherese reduziert?

Fib­rino­gen ist ein Eiweiß (Gerin­nungs­fak­tor I), das in der Leber gebildet wird und eine zen­trale Rolle in der Blut­gerin­nung spielt. Bei der Gerin­nungsreak­tion wird Fib­rino­gen in Fib­rin umge­wan­delt, das ein sta­biles Netz zur Bil­dung eines Blut­gerinnsels bildet.

Bei erhöht­en Fib­rino­gen­spiegeln kann die Viskosität (Zähigkeit) des Blutes zunehmen. Außer­dem kann Fib­rino­gen zur Bil­dung von Fib­ri­nag­gre­gat­en und Mikrothromben beitra­gen, die die Durch­blu­tung der kle­in­sten Blut­ge­fäße (Kap­il­laren) beein­trächti­gen kön­nen. Dadurch kann die Mikrozirku­la­tion gestört wer­den.

Die HELP-Apherese reduziert den Fib­rino­gen­spiegel vorüberge­hend, indem Fib­rino­gen zusam­men mit anderen Plas­mabe­standteilen während des Behand­lung­sprozess­es aus­ge­fällt und ent­fer­nt wird. Dies kann die Fließeigen­schaften des Blutes verbessern und die Mikrozirku­la­tion unter­stützen.

Im Rah­men der Behand­lung wer­den die Fib­rino­gen­werte kon­trol­liert, v.a. vor und nach der Apherese. Ziel ist es, den Spiegel kon­trol­liert zu senken, ohne eine für die nor­male Blut­gerin­nung erforder­liche Min­destkonzen­tra­tion zu unter­schre­it­en.

Wann ist HELP besonders geeignet?

Die H.E.L.P.-Apherese (HELP) eignet sich beson­ders dann, wenn Hin­weise auf eine gestörte Mikrozirku­la­tion vor­liegen. Typ­is­che Zeichen hier­für sind: dauer­haft kalte Hände und Füße, mar­mori­erte oder livide (lila) ver­färbte Extrem­itäten, aus­geprägte Belas­tungsin­tol­er­anz, muskuläre Erschöp­fung und Schmerzen sowie Brain Fog. Auch bei Gefäßs­pas­men (Krämpfen der Blut­ge­fäße) kann die HELP-Apherese sehr wirk­sam sein, da sie die Gefäße erweit­ert.

Wie schnell spürt man die Wirkung der HELP-Apherese?

Im Ver­gle­ich zur Immu­nad­sorp­tion tritt die Wirkung bei der HELP-Apherese in der Regel deut­lich rasch­er (bin­nen Stun­den oder weniger Tage) ein. Manche Patien­ten bericht­en schon kurz nach der Behand­lung oder inner­halb weniger Tage von verbessert­er Belast­barkeit. Häu­fig beschriebene Verbesserun­gen betr­e­f­fen kör­per­liche Aus­dauer, Klarheit des Denkens, Rück­gang von Brain Fog und Fatigue sowie eine gerin­gere Reizüberempfind­lichkeit.

Wie viele HELP-Behandlungen werden empfohlen und in welchem Abstand?

In der Regel wer­den drei bis fünf Behand­lun­gen pro Zyk­lus emp­fohlen, es gibt kein star­res Pro­tokoll. Manche Patien­ten benöti­gen mehr oder weniger Behand­lun­gen. Die Behand­lun­gen kön­nen grund­sät­zlich bis zu dreimal pro Woche durchge­führt wer­den, häu­figer sollte man sie nicht machen, da das Fib­rino­gen son­st zu stark abfall­en kann. Manche Patien­ten begin­nen auch mit ein­er Einzel­be­hand­lung, um die Verträglichkeit zu testen.

Wie lange hält die Wirkung der HELP-Apherese an – und kommen die Symptome irgendwann zurück?

Das ist sehr indi­vidu­ell und hängt stark davon ab, wie lange und wie schw­er jemand betrof­fen ist. Wer noch nicht allzu lange erkrankt ist und einen weniger schw­eren Ver­lauf hat, kann nach einem Zyk­lus HELP-Apherese eine deut­liche und lang anhal­tende Verbesserung erleben – manch­mal über viele Monate bis hin zu Jahren. Mol­ly, die Pod­cas­t­erin vom Pod­cast “Teep­ause | Unser Leben mit ME/CFS”, berichtet von fast zwei Jahren Teil­re­mis­sion nach fünf HELP-Behand­lun­gen — wobei auch sie regelmäßige Wieder­hol­un­gen (alle 6 Monate) der HELP hat­te.

Den­noch ist der Erfolg bei schw­er­er und länger Betrof­fe­nen nüchtern­er: Der Effekt ist häu­fig spür­bar, lässt aber manch­mal nach ein­er gewis­sen Zeit wieder nach. Der biol­o­gis­che Grund liegt darin, dass die HELP-Apherese Mikrothromben auflöst und die Mikrozirku­la­tion verbessert – diese Prozesse aber neu entste­hen kön­nen, solange die zugrun­deliegende Ursache nicht behoben ist. Manche Forschungs­grup­pen gehen davon aus, dass eine chro­nis­che Entzün­dungsreak­tion das Gerin­nungssys­tem ständig neu aktiviert, was wiederum neue Mikrothromben entste­hen lässt.

Prak­tisch bedeutet das: Für viele Patien­ten ist ein ein­ma­liger Zyk­lus (3 bis 5 Behand­lun­gen) aus­re­ichend. Andere prof­i­tieren von regelmäßiger Wieder­hol­ung – etwa alle 3–6, manch­mal alle 12 Monate. Die HELP-Apherese behan­delt dabei den Zus­tand des Blutes und der Gefäße, nicht zwangsläu­fig die Ursache der Erkrankung selb­st. Der genaue Path­o­me­ch­anis­mus der Erkrankung ist nach wie vor nicht voll­ständig gek­lärt und indi­vidu­ell oft sehr unter­schiedlich. 

Die HELP ist somit oft eine sehr wirk­same, auch wieder­hol­bare Unter­stützung – aber nicht immer eine dauer­hafte Lösung für jeden.

Entfernt die HELP-Apherese auch Spikeproteine oder GPCR-Autoantikörper?

Die HELP-Apherese ent­fer­nt primär Blut­fette, Fib­rino­gen und Fib­ri­nag­gre­gate (Mikrothromben). Virus­pro­teine wie Spike­pro­teine sind in der Regel intrazel­lulär, also inner­halb von Zellen, lokalisiert. Nach der Rep­lika­tion oder durch Abspal­tung kön­nen Spike-Pro­teine im Blut oder Gewebe zirkulieren und so auch außer­halb von Zellen vorkom­men. Bes­timmte Virus­pro­teinbe­standteile kön­nen the­o­retisch mit aus­ge­waschen wer­den, da die HELP-Apherese über chemis­che Aus­fäl­lung arbeit­et und nicht nur nach Molekül­größe fil­tert. Ob und in welchem Aus­maß das tat­säch­lich geschieht, ist wis­senschaftlich noch nicht abschließend gek­lärt. Hier gibt es unter­schiedliche Dat­en und Ansicht­en. 

GPCR-Autoan­tikör­p­er wer­den von der HELP-Apherese eben­falls mit ent­fer­nt, jedoch nicht gezielt und defin­i­tiv in gerin­ger­er Menge als bei der Immu­nad­sorp­tion. Die HELP-Apherese hat keinen direk­ten immun­mod­u­la­torischen Effekt, das heißt, sie bee­in­flusst das Immun­sys­tem selb­st nicht.

Welche Erkrankungen oder Zustände sprechen gegen eine HELP-Apherese (Kontraindikationen)?

Absolute Kon­traindika­tio­nen für HELP-Apherese sind u.a.:

  • frische Blu­tun­gen (Magen, Gehirn),
  • kür­zliche Oper­a­tio­nen,
  • aktive Hirn­blu­tung oder Hirn­tu­mor.

Rel­a­tive Fak­toren, die indi­vidu­ell besprochen wer­den müsse, sind:

  • aus­geprägte Gerin­nung­shem­mung (mehrere Mit­tel kom­biniert),
  • sehr niedriges Kör­pergewicht (Einzelfal­l­entschei­dung),
  • Begleit­erkrankun­gen wie z. B. Ehlers-Dan­los-Syn­drom (Aphere­sen kön­nen oft trotz­dem durchge­führt wer­den – aber immer indi­vidu­ell mit dem Arzt/Ärztin absprechen).

Kann die HELP-Apherese trotz Gefäßspasmen durchgeführt werden?

Ger­ade bei Gefäßs­pas­men kann die HELP gut wirken, weil sie die Gefäßer­weiterung fördert. Verbesserun­gen treten häu­fig rel­a­tiv rasch auf – teils schon kurz nach der Behand­lung oder inner­halb weniger Tage. Wichtig ist jedoch, vor­ab auszuschließen, dass die Gefäßs­pas­men durch eine klas­sis­che Bindegewebs- oder Autoim­munerkrankung wie z. B. eine Sys­tem­sklerose verur­sacht wer­den, da bei­des unab­hängig von ME auftreten kann.


Immunadsorption

Wie funktioniert die Immunadsorption?

Bei der Immu­nad­sorp­tion han­delt es sich um ein extrako­r­po­rales Blutreini­gungsver­fahren. Dabei wird Blut außer­halb des Kör­pers über ein tech­nis­ches Sys­tem geleit­et und zunächst in Blutzellen und Plas­ma getren­nt. Das Plas­ma wird anschließend über spezielle Adsor­ber (Bindungssäulen) geführt, die gezielt Immun­glob­u­line (Antikör­p­er) aus dem Plas­ma binden und ent­fer­nen. Anschließend wird das behan­delte Plas­ma wieder mit den Blutzellen zusam­menge­führt und dem Kör­p­er zurück­gegeben.

Im Gegen­satz zu eini­gen anderen Aphere­sev­er­fahren bleiben Gerin­nungs­fak­toren und andere wichtige Plas­mabe­standteile weit­ge­hend erhal­ten, da primär Immun­glob­u­line ent­fer­nt wer­den.

Das Ver­fahren wird seit vie­len Jahren bei ver­schiede­nen autoan­tikör­per­ver­mit­tel­ten Erkrankun­gen einge­set­zt. In bes­timmten Krankheit­skon­tex­ten, beispiel­sweise bei ME/CFS oder Post-COVID, wird disku­tiert, dass fehlreg­ulierte Autoan­tikör­p­er gegen G‑Pro­tein-gekop­pelte Rezep­toren (GPCR) eine Rolle spie­len kön­nten. Diese Autoan­tikör­p­er kön­nen an Rezep­toren auf der Zel­lober­fläche binden und dadurch Sig­nal­wege bee­in­flussen, indem sie diese entwed­er aktivieren oder block­ieren (sog. ago­nis­tis­che oder antag­o­nis­tis­che Wirkung).

Die Immu­nad­sorp­tion kann die Konzen­tra­tion solch­er Antikör­p­er im Blut reduzieren. Ob und in welchem Aus­maß dies zu ein­er klin­is­chen Verbesserung führt, muss jedoch indi­vidu­ell beurteilt wer­den und ist Gegen­stand aktueller wis­senschaftlich­er Forschung.

Wann ist die Immunadsorption besonders sinnvoll?

Die Immu­nad­sorp­tion ist dann beson­ders vielver­sprechend, wenn ein autoim­munes Geschehen im Vorder­grund ste­ht, ins­beson­dere wenn erhöhte GPCR-Autoan­tikör­p­er nachgewiesen wur­den. Auch bei aus­geprägten POTS-ähn­lichen Beschw­er­den, Herzrasen, Kreis­lauf­reak­tio­nen und Reizüberempfind­lichkeit kann sie wirk­sam sein. Sie gilt derzeit von allen ver­füg­baren Ther­a­pi­en als diejenige mit den besten Stu­di­en­dat­en und dem solidesten Stu­di­en­de­sign im Bere­ich ME und Post-COVID.

Wie viele Behandlungen umfasst ein Zyklus Immunadsorption?

In Stu­di­en der Char­ité Berlin zur Immu­nad­sorp­tion bei Post-COVID/ME/CFS wird ein Behand­lungszyk­lus von fünf Sitzun­gen inner­halb von etwa 10 Tagen angewen­det (in der Regel im Abstand von 2 Tagen). Die konkrete Anzahl und Tak­tung der Behand­lun­gen wird jedoch immer indi­vidu­ell anhand von Befun­den, Verträglichkeit und Risiko-Nutzen-Abwä­gung fest­gelegt.

Wie schnell tritt die Wirkung der Immunadsorption ein?

Die Wirkung tritt im Ver­gle­ich zur HELP-Apherese langsamer ein. Es ist sel­ten, dass Patien­ten direkt nach den fünf Behand­lun­gen eine drama­tis­che Verbesserung spüren. Häu­figer bericht­en Betrof­fene von ein­er schrit­tweisen, gradu­ellen Verbesserung über Wochen und Monate. Bes­timmte Symp­tome wer­den nach 4 bis 8, teil­weise nach 12 Wochen weniger inten­siv, Crashs ver­laufen weniger schw­er­wiegend und Aktiv­itäten, die vorher unmöglich waren, wer­den wieder möglich. Dieser Prozess braucht Zeit, weil sich das Ner­ven­sys­tem und die Gefäße nach dem Ent­fer­nen der Autoan­tikör­p­er erst neu sta­bil­isieren müssen.

Wann wirkt die Immunadsorption weniger gut?

Die Immu­nad­sorp­tion ist weniger wirk­sam, wenn bere­its struk­turelle Schä­den vor­liegen, zum Beispiel Ner­ven­schä­den oder Muskelschä­den, da diese durch das Ent­fer­nen von Antikör­pern nicht repari­ert wer­den kön­nen. Auch bei sehr lang und sehr schw­er betrof­fe­nen Patien­ten kann die Wirkung geringer sein. Eben­so, wenn nicht Autoan­tikör­p­er, son­dern Mikrozirku­la­tion­sstörun­gen der dominierende Krankheitsmech­a­nis­mus ist. Dann ist oft die HELP-Apherese der bessere Ansatzpunkt.

Wie lange hält die Wirkung der Immunadsorption an – und warum kommen die Autoantikörper zurück?

Auch hier gilt — wie bei der HELP: Je kürz­er und weniger schw­er die Erkrankung, desto bess­er und nach­haltiger der Effekt. Bei früh behan­del­ten Patien­ten kann ein einziger Zyk­lus Immu­nad­sorp­tion eine lan­gan­hal­tende oder sog­ar dauer­hafte Verbesserung bewirken. Bei schw­er und lange Betrof­fe­nen mit hoher Antikör­per­last zeigen die Dat­en jedoch, dass Symp­tome teil­weise nach sechs bis zwölf Monat­en zurück­kehren.

Der Grund ist biol­o­gisch erk­lär­bar: Die Immu­nad­sorp­tion ent­fer­nt die bere­its vorhan­de­nen Autoan­tikör­p­er aus dem Blut – aber sie ver­hin­dert nicht, dass das Immun­sys­tem neue pro­duziert. Solange die Ursache für die Fehlreg­u­la­tion des Immun­sys­tems nicht behoben ist, bilden B‑Zellen und Plas­mazellen neue Antikör­p­er nach.

In der Fach­welt wird deshalb disku­tiert, ob man nach ein­er Immu­nad­sorp­tion soge­nan­nte B‑Zell- oder Plas­mazell-depletierende Ther­a­pi­en (z. B. Rit­ux­imab, Dara­tu­mum­ab) ein­set­zen kann, die die Antikör­per­pro­duk­tion an der Wurzel unter­brechen. Dieser Ansatz ist the­o­retisch sin­nvoll – birgt aber Risiken durch Immun­sup­pres­sion und ist für ME derzeit noch kein etabliert­er Stan­dard. Eine disku­tierte Alter­na­tive: nach dem ersten Zyk­lus abwarten, bei erneutem Rück­fall einen zweit­en Zyk­lus durch­führen – und erst dann, wenn auch das nicht aus­re­icht, weit­erge­hende Ther­a­pi­en erwä­gen.

Für die Prax­is heißt das: Die Immu­nad­sorp­tion ist nicht immer direkt die Heilung, son­dern manch­mal der Beginn eines länger­fristi­gen Ther­a­piekonzepts. Ein Wieder­hol­ungszyk­lus nach 6 bis 12 Monat­en ist bei manchen schw­er Betrof­fe­nen real­is­tisch einzu­pla­nen. Nichts­destotrotz gibt es eine Rei­he von Patien­ten, die mit einem Zyk­lus IA eine deut­liche Besserung der Symp­tome oder auch ein kom­plettes Ver­schwinden der Symp­tome erre­ichen kön­nen.

Darf die Immunadsorption bei aktiver Virusreaktivierung durchgeführt werden?

Bei ein­er aktiv­en Virus­in­fek­tion oder ‑reak­tivierung wird eine Immu­nad­sorp­tion in der Regel zurück­hal­tend beurteilt und häu­fig zunächst ver­schoben, da das Ver­fahren Immun­glob­u­line aus dem Blut ent­fer­nt und dadurch vorüberge­hend die antivi­rale Immunab­wehr bee­in­flussen kann. Vor Beginn ein­er Behand­lung wird daher meist geprüft, ob Hin­weise auf eine aktive Infek­tion oder Reak­tivierung vor­liegen.

Dabei ist wichtig zu unter­schei­den: erhöhte IgG-Antikör­p­er gegen ein Virus weisen in der Regel lediglich auf einen früheren Kon­takt oder eine durchgemachte Infek­tion hin. Hin­weise auf eine aktuelle oder kür­zlich erfol­gte Virusak­tiv­ität kön­nen dage­gen beispiel­sweise IgM-Antikör­p­er oder ein direk­ter Virus­nach­weis mit­tels PCR liefern. 

Werden bei der Immunadsorption auch Spikeproteine entfernt?

Die Immu­nad­sorp­tion ist primär auf die Ent­fer­nung von Immun­glob­u­li­nen (Antikör­pern) aus­gerichtet. Virus­pro­teine wie Spike­pro­teine sind in der Regel intrazel­lulär, also inner­halb von Zellen, lokalisiert. Nach der Rep­lika­tion oder durch Abspal­tung kön­nen Spike-Pro­teine im Blut oder Gewebe zirkulieren und so auch außer­halb von Zellen vorkom­men. Bes­timmte Virus­pro­teinbe­standteile kön­nen the­o­retisch mit ent­fer­nt wer­den, dies ist aber wis­senschaftlich noch nicht abschließend belegt und wird kon­tro­vers disku­tiert.

Macht es Sinn, nach einer Immunadsorption intravenöse Immunglobuline (ivIg) zu geben?

In eini­gen Behand­lung­spro­tokollen wer­den nach ein­er Immu­nad­sorp­tion intra­venöse Immun­glob­u­line (IVIG) verabre­icht. Hin­ter­grund ist, dass durch die Behand­lung große Men­gen kör­pereigen­er Antikör­p­er ent­fer­nt wer­den. Die Gabe von IVIG kann dazu beitra­gen, den vorüberge­hend abge­senk­ten Immun­glob­u­lin­spiegel teil­weise auszu­gle­ichen, das Immun­sys­tem zu mod­ulieren und möglicher­weise einen schnellen erneuten Anstieg bes­timmter Antikör­p­er pos­i­tiv zu bee­in­flussen.

Die wis­senschaftliche Daten­lage hierzu ist jedoch nicht ein­heitlich, und eine rou­tinemäßige Gabe von IVIG nach Immu­nad­sorp­tion wird nicht in allen Indika­tio­nen stan­dard­mäßig emp­fohlen. Ob eine solche Ergänzung sin­nvoll ist, muss daher im Einzelfall entsch­ieden wer­den.

Wer es wün­scht, kann es — auf eigene Kosten — in Anspruch nehmen. Die Krankenkassen zahlen das zum aktuellen Zeit­punkt nicht. Intra­venöse Immun­glob­u­line sind teuer. Der Preis schwankt aber ein Gramm kostet ca. 130 bis 150 Euro.

Die Dosierung intra­venös­er Immun­glob­u­line erfol­gt in der Regel gewichtsab­hängig und wird in Gramm pro Kilo­gramm Kör­pergewicht (g/kg) angegeben. Je nach Indika­tion kön­nen deut­lich unter­schiedliche Dosierun­gen ver­wen­det wer­den. In manchen Behand­lung­spro­tokollen wer­den auch feste Men­gen (z. B. 25 g) pro Infu­sion einge­set­zt; welche Dosis im Einzelfall sin­nvoll ist, wird indi­vidu­ell ärztlich fest­gelegt.

Kann die Immunadsorption ein MCAS verschlechtern?

Das Mastzel­lak­tivierungssyn­drom (MCAS) beschreibt eine Störung, bei der Mastzellen des Immun­sys­tems ver­mehrt entzün­dungsak­tive Boten­stoffe freiset­zen und dadurch unter­schiedliche Beschw­er­den aus­lösen kön­nen.

Für eine Ver­schlechterung eines MCAS durch Immu­nad­sorp­tion gibt es derzeit keine gesicherte wis­senschaftliche Evi­denz. Da das Ver­fahren Immun­glob­u­line aus dem Blut ent­fer­nt und damit vorüberge­hend in immu­nol­o­gis­che Reg­u­la­tion­s­mech­a­nis­men ein­greifen kann, wird in Einzelfällen disku­tiert, ob sich immu­nol­o­gis­che Symp­tome vorüberge­hend verän­dern kön­nen.

Ver­lässliche Labor­pa­ra­me­ter, mit denen sich ein möglich­es Risiko im Vor­feld sich­er vorher­sagen lässt, sind derzeit nicht etabliert. Bei Pati­entin­nen und Patien­ten mit bekan­ntem oder ver­mutetem MCAS emp­fiehlt sich daher eine indi­vidu­elle ärztliche Abklärung vor der Behand­lung. In manchen Fällen kann eine beglei­t­ende antial­ler­gis­che oder anti­his­t­a­min­erge Ther­a­pie erwogen wer­den.

Die Entschei­dung für eine Immu­nad­sorp­tion sollte stets auf Grund­lage der indi­vidu­ellen klin­is­chen Sit­u­a­tion und ein­er ärztlichen Nutzen-Risiko-Abwä­gung getrof­fen wer­den.

Kann die Immunadsorption auch dann durchgeführt werden, wenn keine erhöhten GPCR-Autoantikörper nachgewiesen wurden?

Die Immu­nad­sorp­tion wird in der Regel bevorzugt einge­set­zt, wenn krankheit­srel­e­vante Autoan­tikör­p­er nach­weis­bar sind oder ein immu­nol­o­gisch ver­mit­tel­ter Mech­a­nis­mus wahrschein­lich erscheint. In bes­timmten Sit­u­a­tio­nen kann das Ver­fahren jedoch auch dann erwogen wer­den, wenn keine erhöht­en GPCR-Autoan­tikör­p­er nachgewiesen wur­den, beispiel­sweise wenn das Beschw­erde­bild und andere Befunde auf ein möglich­es autoim­munes Geschehen hin­weisen und alter­na­tive Ursachen aus­re­ichend abgek­lärt wur­den.

Zu berück­sichti­gen ist, dass Laborver­fahren zum Nach­weis bes­timmter funk­tioneller Autoan­tikör­p­er noch nicht voll­ständig stan­dar­d­isiert sind und neg­a­tive Befunde daher einen immu­nol­o­gis­chen Mech­a­nis­mus nicht in jedem Fall sich­er auss­chließen. 

Welche Maschinen und Filter werden für die Immunadsorption verwendet?

Für die Immu­nad­sorp­tion wer­den spezial­isierte Aphere­sesys­teme einge­set­zt, bei denen das Plas­ma über Adsor­ber geleit­et wird, die Immun­glob­u­line aus dem Blut binden. In der klin­is­chen Prax­is kom­men ver­schiedene tech­nis­che Sys­teme zum Ein­satz.

Häu­fig ver­wen­dete Sys­teme sind beispiel­sweise das TheraSorb®-System der Fir­ma Mil­tenyi Biotec mit den Adsor­bern Thera­Sorb® – Ig omni 5, die auf der LIFE 21®-Aphereseplattform betrieben wer­den. Hier wer­den 5 Behand­lun­gen mit einem Fil­ter durchge­führt.

Alter­na­tiv existieren Sys­teme wie das ADAsorb®-Immunadsorptionssystem (Tryp­to­phan-Immu­nad­sorp­tion (TRIA)) der Fir­ma DIAMED Medi­z­in­tech­nik GmbH, bei dem einzelne Adsor­ber pro Behand­lung einge­set­zt wer­den.

Alle diese Sys­teme ver­fol­gen das gle­iche Grund­prinzip der selek­tiv­en Ent­fer­nung von Immun­glob­u­li­nen aus dem Blut­plas­ma, unter­schei­den sich jedoch in tech­nis­chen Details, Behand­lung­sor­gan­i­sa­tion und Ein­weg­ma­te­ri­alien. 

Die Mil­tenyi-Mas­chine weist in der Prax­is höhere Absenkquoten der Immun­glob­u­line auf, dauert aber länger. Das Sys­tem der Fir­ma DIAMED erlaubt es, einzelne Behand­lun­gen durchzuführen. Somit sind es einzelne Zahlun­gen, anstatt einen gesamten Fün­fer-Zyk­lus im Voraus zu finanzieren.

Ist die Immunadsorption auch bei MS geeignet und kann man sie dann als Kassenleistung beantragen?

Die Immu­nad­sorp­tion kann in bes­timmten Sit­u­a­tio­nen bei Mul­ti­ple Sklerose einge­set­zt wer­den, ins­beson­dere bei schw­eren Schüben, die auf eine hochdosierte Kor­ti­son­ther­a­pie nicht aus­re­ichend ansprechen. In diesen Fällen kom­men extrako­r­po­rale Ver­fahren wie Plas­maaus­tausch oder Immu­nad­sorp­tion als soge­nan­nte Eskala­tion­s­ther­a­pie infrage.

Eine Kostenüber­nahme durch die geset­zlichen Krankenkassen ist an medi­zinis­che Voraus­set­zun­gen gebun­den und erfol­gt in der Regel nur, wenn die Behand­lung im Rah­men der anerkan­nten Indika­tio­nen und nach entsprechen­der ärztlich­er Prü­fung durchge­führt wird.

Das Vor­liegen ein­er Mul­ti­plen Sklerose allein begrün­det jedoch keinen automa­tis­chen Anspruch auf eine von der Krankenkasse finanzierte Immu­nad­sorp­tion bei anderen Erkrankun­gen, etwa bei ME/CFS. Ob eine Kostenüber­nahme möglich ist, muss stets indi­vidu­ell geprüft und gegebe­nen­falls bei der Krankenkasse beantragt wer­den.

Kann ein Zyklus von Apheresen-Verfahren stationär durchgeführt werden?

Zum Zeit­punkt des Vor­trags wird sie im Bayreuther Zen­trum ambu­lant durchge­führt. Es wird jedoch an der Möglichkeit gear­beit­et, über Beleg­bet­ten in Kranken­häusern in Peg­nitz und Kem­nath auch sta­tionäre Behand­lun­gen anzu­bi­eten, ins­beson­dere für schw­er­st­be­trof­fene Patien­ten. Dieses Ange­bot befind­et sich noch im Auf­bau. Eine 24-Stun­den-Ruf­bere­itschaft durch einen der vier Ärzte des Zen­trums ist gewährleis­tet.

Werden bei der Immunadsorption auch Kinder und Jugendliche behandelt?

Die Immu­nad­sorp­tion kann grund­sät­zlich auch bei Kindern und Jugendlichen einge­set­zt wer­den. In der pädi­a­trischen Medi­zin wird das Ver­fahren beispiel­sweise bei bes­timmten schw­eren autoim­munen oder neu­rol­o­gis­chen Erkrankun­gen angewen­det.

Die Durch­führung bei Kindern erfordert jedoch eine beson­ders sorgfältige indi­vidu­elle Abklärung, eine alters­gerechte Aufk­lärung der Fam­i­lie sowie Erfahrung des Behand­lung­steams mit extrako­r­po­ralen Blut­be­hand­lungsver­fahren. Eine prak­tis­che Her­aus­forderung kann ins­beson­dere der Gefäßzu­gang sein, da die Blut­ge­fäße bei kleineren Kindern deut­lich schmaler sind.

Ob eine Behand­lung möglich und sin­nvoll ist, wird daher immer im Einzelfall beurteilt. Eine vorherige aus­führliche Beratung ist für Fam­i­lien in jedem Fall notwendig.

Welche Studien zur Immunadsorption bei ME und Post-COVID laufen aktuell?

Stand März 2026 lassen sich als zen­trale, kon­trol­lierte Studien/Programme zur Immu­nad­sorp­tion (IA) bei ME/CFS bzw. Post-COVID u. a. nen­nen:

Char­ité Berlin – IA-PACS-CFS: eine dop­pel­blinde, ran­domisierte, scheinkon­trol­lierte, explo­rative Studie zur Immunoad­sorp­tion bei Patien­ten mit chro­nis­chem Müdigkeitssyn­drom (CFS), ein­schließlich Patien­ten mit postakutem COVID-19-CFS (PACS-CFS). Die scheinkon­trol­lierte Behand­lung ist eine Apherese-Proze­dur ohne Adsor­ber (also „IA ohne wirk­same Bindesäule“), wobei Patient:innen und Behan­dler verblind­et sind.

Uni­ver­sitätsmedi­zin Mainz – IAMPOCO: Ran­domisierte, scheinkon­trol­lierte Crossover-Studie (sin­gle-blind­ed): Teil­nehmende erhal­ten 5 IA-Behand­lun­gen und nach ein­er 8‑wöchigen Washout-Phase 5 Schein-Behand­lun­gen (oder umgekehrt).

MHH Han­nover – EXTINCT post COVID: Ran­domisierte, sham-kon­trol­lierte prospek­tive Studie zur IA bei Post-COVID-assozi­iert­er schw­er­er Fatigue/ME-CFS-ähn­lich­er Symp­to­matik.

Die Ergeb­nisse waren zum Zeit­punkt des Vor­trags noch nicht voll­ständig veröf­fentlicht, ließen aber, laut Aus­sagen Beteiligter, gute Resul­tate, ins­beson­dere in Sub­grup­pen, erwarten.


Kosten

Werden HELP-Apherese oder Immunadsorption von den gesetzlichen Krankenkassen übernommen?

Aktuell wer­den die Kosten für HELP oder IA nicht von den geset­zlichen Krankenkassen, für die Indika­tio­nen ME und Post-COVID, erstat­tet. Die Ver­fahren selb­st sind für andere Erkrankun­gen zuge­lassen und wer­den dort von den Krankenkassen bezahlt, zum Beispiel HELP als Lip­i­da­pherese bei bes­timmten Fettstof­fwech­sel­störun­gen oder die Immu­nad­sorp­tion bei bes­timmten neu­rol­o­gis­chen Erkrankun­gen.

Aber für ME und Post-COVID fehlen bish­er Leitlin­ien, weshalb keine Kostenüber­nahme von geset­zlichen Krankenkassen möglich ist.

Laborkosten für Autoan­tikör­p­er-Mes­sun­gen wer­den immer direkt vom Labor berech­net.

Was kostet eine HELP-Apherese-Behandlung?

Eine einzelne HELP-Apherese-Behand­lung kostet im Bayreuther Zen­trum 1.400 Euro. Alle anfal­l­en­den Kosten sind darin enthal­ten, mit Aus­nahme der Laborkosten für GPCR-Autoan­tikör­p­er-Mes­sun­gen, da diese in spezial­isierten Labors durchge­führt wer­den und direkt vom Labor in Rech­nung gestellt wer­den.

Was kostet ein Zyklus Immunadsorption?

Ein Zyk­lus Immu­nad­sorp­tion umfasst fünf Behand­lun­gen und kostet im Bayreuther Zen­trum 2.600 Euro pro Behand­lung, also ins­ge­samt 13.000 Euro. Alle Kosten sind darin enthal­ten.

Ein wichtiger Hin­weis für den Omni 5 Fil­ter: Sobald der Fil­ter ein­ma­lig an einem Patien­ten benutzt wurde, kann er nicht für einen anderen Patien­ten ver­wen­det wer­den. Wenn jemand nach ein­er oder zwei Behand­lun­gen abbricht, sind den­noch die vollen Kosten fäl­lig. Der Fil­ter kann allerd­ings bis zu sechs Monate auf­be­wahrt wer­den, sodass ein weit­er­er Zyk­lus mit dem­sel­ben Fil­ter möglich ist, ohne dass erneut Fil­terkosten anfall­en.

Gibt es eine Möglichkeit, die Immunadsorption in Einzelbehandlungen zu bezahlen?

Ja, mit dem ADA­sorb-Sys­tem (Tryp­to­phan-Immu­nad­sorp­tion (TRIA)) der Fir­ma DIAMED Medi­z­in­tech­nik GmbH ist das möglich, da dort Einzelfil­ter ver­wen­det wer­den. Wer lieber einzelne Behand­lun­gen bezahlen möchte, sollte sich über die Unter­schiede in der Effek­tiv­ität berat­en lassen.

Gibt es Empfehlungen, wie man die Kosten möglichst effizient einsetzen kann?

Wer begren­zte finanzielle Mit­tel hat und zunächst die Verträglichkeit und Wirk­samkeit testen möchte, hat bei der HELP-Apherese den Vorteil, dass er nach ein­er Behand­lung entschei­den kann, ob er den Zyk­lus fort­set­zt, ohne bere­its für alle Behand­lun­gen zahlen zu müssen. Bei der Immu­nad­sorp­tion mit dem Mil­tenyi-Omni 5‑System sind mit dem Anschluss des Fil­ters die vollen Kosten bere­its gebun­den. Es lohnt sich, vor der Behand­lung aus­führlich zu klären, welch­es Ver­fahren indi­vidu­ell am sin­nvoll­sten ist und ob das ADA­sorb-Sys­tem (Tryp­to­phan-Immu­nad­sorp­tion (TRIA)) der Fir­ma DIAMED für die Immu­nad­sorp­tion in Frage kommt.


Kann man während einer Nikotinpflaster-Therapie eine Apherese-Therapie machen?

Grund­sät­zlich stellt die Anwen­dung von Nikot­inpflastern keine bekan­nte Gege­nanzeige für eine Apherese dar. Nikotin wird über die Haut aufgenom­men und im Kör­p­er metabolisiert; durch Aphere­sev­er­fahren wie HELP-Apherese oder Immu­nad­sorp­tion wird es in der Regel nicht in rel­e­van­tem Aus­maß ent­fer­nt.

Den­noch sollte eine beste­hende Nikotin­er­satzther­a­pie vor Beginn der Behand­lung ärztlich angegeben wer­den. Nikotin kann unter anderem Herzfre­quenz und Blut­druck bee­in­flussen, weshalb das Behand­lung­steam die Ther­a­pie und mögliche Wech­sel­wirkun­gen indi­vidu­ell beurteilen und gegebe­nen­falls Anpas­sun­gen empfehlen kann.

Ergänzung zum FAQ: Vorbereitung und pacing konforme Umsetzung einer Therapieeinheit

Was bedeutet Pacing in Bezug auf die Apherese – und warum ist es so wichtig?

Pac­ing bedeutet, die eigene Energiemenge aktiv zu man­a­gen und Über­las­tung kon­se­quent zu ver­mei­den. Bei ME ist das die wichtig­ste Grund­lage für alles – erst Recht für eine Aphere­sether­a­pie.

Die Behand­lung selb­st ist kör­per­lich über­schaubar: Man liegt in einem beque­men Klinikbett, die Arme flach neben sich (meist wer­den diese mit Heizkissen angewärmt). Das Liegen ist in der Regel nicht anstren­gend. Was aber enorm Energie kostet, ist das gesamte Drumherum wie Anreise, fremde Umge­bung, Geräusche, Licht, das Organ­isatorische, die emo­tionale Aufre­gung. Wer das ver­ste­ht und kon­se­quent ein­plant, kann viel dazu beitra­gen, einen Crash zu ver­mei­den oder abzu­mildern.

Warum ist eine Begleitperson so wichtig – und was sollte sie wissen?

In der Pod­cast-Auf­nahme von Teep­ause | Unser Leben mit ME, haben bei­de, Arzt (Dr. Satanovskij) und Pati­entin (Mol­ly), betont dass eine ver­traute Begleit­per­son wichtig ist, u.a. weil man mit zwei punk­tierten Armen für mehrere Stun­den kaum selb­st etwas tun kann. Eine per­sön­liche Begleitung ken­nt die Bedürfnisse, weiß wann etwas nicht stimmt, hil­ft bei admin­is­tra­tiv­en Din­gen, gibt Getränke und Snacks, legt Kopfhör­er auf oder passt die Decke an und fährt danach das Auto. Eine Begleit­per­son darf jed­erzeit dabei sein. Die seel­is­che Unter­stützung ist genau­so wertvoll: Das erste Mal an ein­er Mas­chine zu liegen, durch die das eigene Blut fließt, ist trotz guter Vor­bere­itung eine emo­tion­al ungewöhn­liche Sit­u­a­tion.

Wie weit im Vorfeld sollte ich anfangen, mich vorzubereiten?

Es macht Sinn, mehrere Tage bis eine Woche vorher mit den Vor­bere­itun­gen zu begin­nen. Das Ziel ist, mit einem möglichst „vollen Energiepuffer“ in die Behand­lung zu gehen. Vor­pac­ing, bzw. das Ver­mei­den von Über­las­tun­gen im Vor­feld, kann nüt­zlich sein.

Konkret bedeutet das: Soziale Aktiv­itäten, physis­che Anstren­gun­gen und kog­ni­tive Belas­tun­gen in den Tagen davor stark reduzieren. Kein “noch schnell erledi­gen”, keine Tele­fonter­mine, keine emo­tion­al aufwüh­len­den Gespräche. Alle organ­isatorischen Dinge (Anfahrt, Hotel/FeWo, Abhol­ung, Zahlung, For­mu­la­re) möglichst an Ange­hörige delegieren oder weit vorher in Ruhe regeln. Ein Aktiv­ität­stage­buch kann helfen, zu erken­nen, wo die aktuelle Base­line liegt und was ohne Crash noch möglich ist. Auch die Akzep­tanz über die nochmal mehr ein­schränk­ende Sit­u­a­tion ist von Bedeu­tung. 

Was empfiehlt der Arzt konkret für den Tag vor der Behandlung?

Flüs­sigkeits­man­gel ist ein­er der häu­fig­sten ver­mei­d­baren Erschw­ern­isfak­toren am Behand­lungstag. Dr. Satanovskij emp­fiehlt daher, am Tag davor aus­re­ichend und gezielt viel zu trinken, damit die Venen gut gefüllt sind. Das erle­ichtert das Punk­tieren erhe­blich und ver­hin­dert eine lange Suche nach Zugän­gen.

Wer kör­per­lich dazu in der Lage ist, kann ein leicht­es Venen­train­ing (mit einem kleinen Ball oder Socke in der Faust zusam­men­drück­en — ähn­lich wie bei der Blutab­nahme) absolvieren.

Wer niedri­gen Blut­druck oder POTS hat, kann die Flüs­sigkeit leicht salzig ergänzen (z. B. Elek­trolytlö­sung, salzige Brühe).

Wie plane ich die Anreise pacing konform?

Nicht die Behand­lung selb­st, son­dern die Anreise ist für viele Betrof­fene die größte Her­aus­forderung. Einige Gedanken dazu:

  • Immer von jemand anderem fahren lassen – selb­st fahren ist an einem Behand­lungstag keine gute Idee, wed­er davor noch danach.
  • Wer sehr schw­er betrof­fen ist: Liegend­trans­port ist möglich und legit­im.
  • Eben­so der Roll­stuhl, auch wenn man the­o­retisch noch einige Schritte gehen kön­nte.
  • Das Gebäude im Bayreuther Dial­y­sezen­trum ver­fügt über Fahrstüh­le und ist bar­ri­ere­frei vom Park­platz bis zum Behand­lungs­bett..

Energie sparen hat hier absoluten Vor­rang. Viele Patien­ten über­nacht­en in einem Hotel oder ein­er Ferien­woh­nung in Prax­is­nähe und reisen am Vor­abend an – das ver­mei­det frühe Auf­ste­hzeit­en und stres­sige Fahrten am Behand­lungstag. Vor allem, wenn ein Behand­lungszyk­lus über mehrere Tage andauert.

Was esse und trinke ich am Behandlungstag – und sollte ich nüchtern erscheinen?

Nein, auf keinen Fall nüchtern kom­men. Eine leichte Mahlzeit vor der Behand­lung ist wichtig und aus­drück­lich erwün­scht. Wer regelmäßig essen muss (z. B. bei Glukos­eschwankun­gen), bringt sich Snacks mit.

Unmit­tel­bar vor der Ther­a­pie sollte die Blase nochmal kom­plett entleert wer­den, da man unter der Ther­a­pie (ca. 2–4 Stun­den) nicht selb­st auf die Toi­lette gehen kann. Für die Not­durft ste­hen aber Bettsch­ieber / Urin­flaschen zur Ver­fü­gung. 

Nach der Behand­lung – beson­ders nach der Immu­nad­sorp­tion – kann es sein, dass der Kör­p­er sig­nal­isiert, was er braucht. Kali­um­re­iche Lebens­mit­tel wie Bana­nen, Tomat­en oder Kartof­feln wer­den von vie­len Patien­ten danach intu­itiv ver­langt und sind sin­nvoll, da Elek­trolytver­schiebun­gen entste­hen kön­nen. Die Prax­is überwacht das zwar kon­tinuier­lich – aber auch zuhause gut trinken und essen.

Was brauche ich auf meiner persönlichen Packliste?

Bevor man zur Ther­a­pie fährt, lohnt es sich, eine indi­vidu­elle Check­liste zu erstellen. Jed­er Men­sch hat andere Empfind­lichkeit­en und Bedürfnisse.

Mögliche Punk­te:

  • Noise-Can­cel­ing-Kopfhör­er oder Ohrstöpsel 
  • Schlaf­maske oder Augen­binde
  • Warme Strümpfe und ggf. eigene Decke (Deck­en und Wärmekissen sind vorhan­den, aber ggf. benötigt jemand seine eigene Decke) – der Kör­p­er kann während der Behand­lung abkühlen
  • Eigene Snacks
  • Lieblingsmusik
  • Ein Hör­buch / Serie / Film
  • Kuschelti­er / Glücks­bringer
  • Entspan­nung­shil­fen (Atemübun­gen)
  • Ggf. Windel (kann für manche eine würde­volle und prak­tis­che Lösung sein)
  • Ruhen oder schlafen während der Behand­lung.

Wie plane ich den Rest des Behandlungstages und die Tage danach?

Es ist rat­sam, den Tag nach der Behand­lung voll­ständig freizuhal­ten und auszu­ruhen. Keine Ter­mine, keine Erledi­gun­gen, keine Anrufe. Direkt ins Hotel / Ferien­woh­nung oder nach Hause fahren und zur Ruhe kom­men.

Viele Patien­ten schlafen nach der Behand­lung ungewöhn­lich viel, das kann ein gutes Zeichen sein.

Gibt es Warnsignale, bei denen ich eine Behandlung lieber verschieben sollte?

Ja, das ist möglich. Eine PEM oder eine akute Infek­tion ist kein guter Aus­gangspunkt für eine Behand­lung – beson­ders nicht für die Immu­nad­sorp­tion. Wenn es einem in den Tagen davor ungewöhn­lich schlechter geht, sollte man das der Prax­is mit­teilen und gemein­sam entschei­den, ob ein Ver­schieben klüger ist. Dies ist nahezu immer prob­lem­los möglich.

Was kann ich nach der Immunadsorption tun, um das Immunsystem nicht unnötig zu belasten?

In den ersten 4 Wochen direkt nach der Immu­nad­sorp­tion ist das Immun­sys­tem vorüberge­hend etwas eingeschränkt (die Antikör­p­er wur­den ja weit­ge­hend ent­fer­nt). Das bedeutet, Infek­tion­squellen mei­den:

  • keine Ver­anstal­tun­gen mit vie­len Men­schen in geschlosse­nen Räu­men,
  • keine Reisen mit hohem Infek­tion­srisiko in dieser Phase,
  • soziales  Leben wenn möglich reduzieren und
  • auf guten Schlaf und gute Erhol­ung acht­en 

Dieser Zeitraum ist gle­ichzeit­ig eine Chance: Wenn die Antikör­per­last niedrig ist, kön­nen sich Kör­p­er und Ner­ven­sys­tem erholen. 

Kann ich mich emotional auf die Behandlung vorbereiten?

Ja – und das wird unter­schätzt. Der Kör­p­er reagiert auf Angst, Aufre­gung und Erwartungs­druck genau­so wie auf kör­per­liche Belas­tung. Emo­tionaler Stress kostet Energie und kann die Verträglichkeit der Behand­lung bee­in­flussen.

Hil­fre­iche Strate­gien:

  • Sich im Vor­feld gut informieren (Unwis­sen erzeugt Angst),
  • real­is­tis­che Erwartun­gen entwick­eln (keine Wun­der­heilung)
  • ruhige Rit­uale am Mor­gen ein­bauen (kein Stress, kein Zeit­druck), und
  • ver­trauen, dass man jed­erzeit “Stop” sagen darf.

Danksagung

Mit her­zlichem Dank an Schwest­er Doreén aus der SHG Roßhaupten für ihre organ­isatorische Unter­stützung und ihr Engage­ment für die ME-Com­mu­ni­ty sowie an Dr. Robin Satanovskij, der seine Exper­tise, seine Zeit und seine Offen­heit für die vie­len Fra­gen der Betrof­fe­nen zur Ver­fü­gung gestellt hat.

Mit besten Grüßen, eure thürin­gen­weite Selb­sthil­fe­gruppe für ME

und Mol­ly 🙂

Kontakt

Referent:

Dr. med. Robin Satanovskij
Facharzt für Innere Medi­zin und Nephrolo­gie 

Nephrol­o­gis­che Prax­is und Dial­yse 
Spin­nereistr. 7
95445 Bayreuth  

qs@dialysecentrum.de
robin.satanovskij@gmail.com
www.dialysecentrum.de
Tel.: 0921–507202‑0 oder 0921–507202-20

Unterstützung:

Schwest­er Doreén
Pal­lia­tive-Prax­is-Schu­lung
info@palliprax.de
www.palliative-praxis-schulung.de

Gastgeber:

Selb­sthil­fe für Myal­gis­che Enzephalomyelitis in Thürin­gen
nicht einge­tra­gen­er Vere­in 

hallo@me-in-thueringen.de

www.me-in-thueringen.de 

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert

1 Kommentar zu „FAQ zum Vortrag Blutwäscheverfahren bei ME und Post-COVID“

  1. Super toll gemacht, über­sichtlich und gut ver­ständlich. Danke für diese Infor­ma­tio­nen, wo man son­st in einem Dschun­gel unter­wegs ist und nichts find­et.

Nach oben scrollen